Ein Winterabend, fallender Schnee und Tränen, die nichts mit der Kälte zu tun haben. Über Trauer, die bleibt, über das Leben, das trotzdem weitergeht – und über die absurde Frage, ob irgendwo ein Schiedsrichter sitzt und entscheidet, wann genug gelitten wurde.

Lesezeit: 3 Minuten

Verschneite Straße bei Nacht im Licht von Straßenlaternen mit nassem Asphalt und winterlicher Atmosphäre.

Ein Winterabend, eine Frau steht inmitten einer Großstadt – mutterseelenallein. Im Licht der Straßenlaternen sieht man die Schneeflocken fallen. Von Minute zu Minute werden die Flocken dicker. Ihr Gesicht ist nass, aber nicht vom Schnee, sondern von Tränen.

Das, was hier klingt wie die dramatische Szene aus einem Film, ist ein Ausschnitt aus meinem Leben, zarte fünf Minuten alt. Erstaunlich, diese Gleichzeitigkeit von Dingen, diese Ambivalenz, die ein Leben mit einer fast empörenswerten Selbstverständlichkeit mit sich bringt. Ein stiller Moment in einer Großstadt ist rar und könnte so friedlich sein – und ist doch voll von mieser, klebriger Traurigkeit.

Und wo eben noch die Blätter gefallen sind – gerade letzte Woche stand ich mit den Stiefeln bis zum Knöchel darin und habe mich so gefreut –, kam über Nacht klammheimlich der Winter. Mit ihm die Kälte. Sie zog in die Mauern und in die Knochen, und das, was eigentlich schön gewesen wäre, wurde zu einem brennenden Schmerz. Manchmal frage ich mich, ob es nicht einen Schiedsrichter gibt, der auf sichere Distanz zusieht und denkt: „Okay, jetzt hat sie brav gelitten, wir haben den Soll erreicht. Ab jetzt wird’s einfach lächerlich, Haken dran, komm, nächstes Kapitel.“ Oder ob die Kulanz die Tatsache ist, dass wir alle gesund sind und es immerhin etwas gibt, das man beweinen kann.

Und doch würde ich manchmal gerne wissen, wie traurig ein Mensch sein kann und wie viele Wochen es möglich ist, über die immer und immer gleiche Sache zu weinen. Und was es mit einem macht, wenn man keine Methode findet, damit umzugehen, sondern sich stur gibt und gar nicht einsieht, aus welchem Grund man eine neue Bewältigungsstrategie entwickeln sollte, wenn man auch einfach auf seinem Schmerz sitzenbleiben kann und jede Woche dasselbe tut: Weinen, traurig, Sorgen machen, Anspannung, Anspannung, Anspannung, Herzrasen, hey cool, schon Mittwoch, weinen, spontan glücklich, weil abgelenkt, Ende Oktober und schon wieder traurig, herrgott, warum geht diese Zeit nicht vorbei, jedes Jahr rast nur an einem vorbei, die Falten und die grauen Haare – nur drei Monate halten sich wie ein alter Kaugummi in einem Büschel Haare.

Wenn ich mir so zuhöre, dann scheint es eine Patt-Situation zu sein. So wie ich auf meiner Trauer sitzenbleibe, so bleibt das Leben auf seinen Anforderungen sitzen und schaut mir zu, wie ich mir die Augen aus dem Kopf heule. Mal sehen, wer länger durchhält: meine Tränensäcke oder das fehlende Einfühlungsvermögen potentieller Schiedsrichter.

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