Rezension „Altern“ von Elke Heidenreich

Geschrieben von Constanzia Norström

"Altern" von Elke Heidenreich war für mich eine Begegnung mit einer Autorin, die ich bis vor Kurzem nicht einmal kannte. Und ein Buch, bei dem ich mich dabei ertappt habe, ständig mit ihr zu diskutieren. Nicht immer einer Meinung, aber bestens unterhalten und dankbar über vielfältige Impulse.

Lesezeit: 3 Minuten
Geschrieben am: 19.06.2026 | Aktualisiert am 18.09.2026

Buchrezension zu Elke Heidenreichs ‚Altern‘ auf strukturiertem Papier mit getrockneten Blumen

Inhaltsverzeichnis

Elke Heidenreich und ich hatten eine Premiere zu feiern Halte mich ruhig für ungebildet, aber ich hatte bis dahin tatsächlich noch nie von dieser Frau gehört.

Einmal mehr stelle ich fest, wie gut es ist, Rezensionen zu lesen. Man stößt dabei immer wieder auf interessante Bücher. Und manchmal eben auch auf Menschen, von denen man vorher noch nie gehört hat.

Mit „Altern“ hat Elke Heidenreich ein sehr persönliches Buch geschrieben. Und für mich war es ein interessantes Kennenlernen.

Ich bewundere ihr großes literarisches Wissen. Und ich bewundere vor allem, wie sie scheinbar ganz leicht und ganz unangestrengt eine These mit zehn verschiedenen Autoren stützt und das Ganze aus der Hüfte noch um einige Zitate bereichert.

Ihre Art hat mich an meine Zeit an der Universität erinnert. Dort ist es etwas Alltägliches, in Arbeiten Thesen mit Zitaten und Erkenntnissen anderer Wissenschaftler zu stützen.

Die schönste Umsetzung dieser Methode habe ich bei Elke Heidenreich erlebt. Ein Graus war es mir zu Studienzeiten, eine Bereicherung in ihrem Buch.

Weiterhin finde ich es herrlich erfrischend, wie entschieden sie ausschließt, eine brave, stille Oma zu sein, die niemandem zur Last fällt. Wie sie sich geradezu dafür feiert, konfrontativ und unbequem zu sein.

Ich muss zugeben, ich habe mich dabei ertappt, wie ich mir gewünscht habe, jede Frau würde sich davon eine große Scheibe abschneiden.

Es täte uns gut.

Das Spannende ist doch eigentlich, wie irgendwoher dieser Gedanke kommt, dass die Gesellschaft an irgendeinem Punkt vorgibt, wie man zu sein hat. Welche Rolle einem zugeordnet wird. Und wie man sich, sobald man sich dem nicht beugt, plötzlich fühlt, als würde man einen kleinen revolutionären Akt begehen.

Die Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder gestellt habe, war, wie oft man sich als Leser dabei ertappt, mit Elke Heidenreich zu diskutieren.

Das ist etwas, was ich an dem Buch sehr mochte.

Ich musste nicht alles unterschreiben, um es gern zu lesen.

Da wären beispielsweise ihre Gedanken zu Allergien. Heutzutage sei ja gefühlt jeder gegen irgendetwas allergisch.

Ich musste schmunzeln, denn ich habe schon oft erlebt, dass die ältere Generation den Eindruck hat, die Jungen seien einfach nur krank.

Aus meiner Sicht waren wir vermutlich schon immer mehr oder weniger gleich krank. Wir kennen heute nur mehr Muster, mehr Diagnosen und vielleicht auch mehr Möglichkeiten, Beschwerden zu lindern oder wenigstens zu verstehen.

Und was ist daran verkehrt?

Ist doch gut.

Auch über Einsamkeit und den ständigen Handygebrauch schreibt sie. Früher habe man seine Zeit draußen verbracht, miteinander gesprochen, da sei niemand einsam gewesen.

Kann sein.

Handys haben ihre Nachteile, das sehe ich ein. Ich frage mich nur manchmal, ob die Menschen früher tatsächlich weniger einsam waren oder ob man Einsamkeit einfach anders erlebt hat. Und vielleicht auch weniger darüber gesprochen hat.

Ich weiß es nicht.

„Früher war alles besser“?

Besonders sympathisch fand ich wiederum, wie strikt Heidenreich dieses „Früher war alles besser“ ablehnt.

Gut so.

An anderer Stelle schreibt sie sinngemäß, dass heute niemanden mehr interessiert, was früher war. Und das wiederum fand ich erstaunlich modern.

Ich glaube nämlich auch, dass die Gegenwart mit einem „Aber früher …“ nicht besonders viel anfangen kann. Die Dinge sind nun einmal, wie sie sind, und man muss auf das Hier und Jetzt reagieren.

Da helfen Rückblicke manchmal herzlich wenig.

Heidenreich ist außerdem der Meinung, dass alte Menschen heute für alles Mögliche verantwortlich gemacht werden.

Das sehe ich gar nicht so.

Ich finde, da geht die Welt seit jeher ziemlich unverändert miteinander um. Die Alten schimpfen über die Jungen, die Jungen über die Alten und alle zusammen schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Scheint zutiefst menschlich zu sein.

Verstanden habe ich das noch nie.

Über Straßenkleber, Madonna, Generationen und Respekt

Gestolpert bin ich auch über ihre Bemerkungen zu den Straßenklebern. Noch mehr aber über ihre Ausführungen zu Madonna.

An einer Stelle vergleicht sie sie mit Halloween.

Schade.

Das hat mich tatsächlich etwas geärgert. Gerade weil Heidenreich an so vielen Stellen so modern denkt, habe ich mich gefragt, warum sie sich diese Bemerkung nicht einfach verkneifen konnte.

Man muss eine andere Frau nicht schön finden, dazu zwingt einen niemand.

Aber muss man das gleich in einem Buch verewigen?

Finde ich nicht besonders respektvoll.

Prominenz hin oder her.

Und ich fand es bemerkenswert, dass eine Frau, die sich selbst so entschieden dagegen wehrt, wie andere über ältere Frauen zu urteilen haben, an dieser Stelle selbst recht streng mit einer anderen Frau umgeht.

Und schließlich diese Formulierungen wie „was unsere Generation geschafft hat“.

Ich kann mit so etwas wenig anfangen.

Hat sie etwas geschafft? War sie selbst dabei? Hat sie Demoschilder gehalten oder ist manches einfach in ihre Zeit gefallen?

Es gab und gibt doch immer Menschen, die sich für das große Ganze einsetzen, und andere, denen das piepegal ist. Und alles dazwischen.

Ist gut. Ist doch okay.

Ich finde es spannend, wenn jemand von seinem persönlichen Anteil spricht oder von einer großen Bewegung. Aber dieses „unsere“ klingt für mich immer ein bisschen wie alte Klassen- und Schulzeiten.

Als würde man sich Jahrzehnte später treffen und sagen:

„Weißt du noch?“

Auf eine ganze Generation trifft das aus meiner Sicht nicht so ganz zu.

Würde ich „Altern“ von Elke Heidenreich empfehlen?

Ja, auf jeden Fall.

Wenn du ein paar neue Perspektiven suchst oder generell mit dem Altern haderst, dann nur zu. Hier bist du bestens beraten.

Elke Heidenreichs „Altern“ ist eine Begegnung, eine Diskussion, ein Dialog.

Auch wenn sie meine Erwiderungen vermutlich nie hören wird. Und deine wahrscheinlich auch nicht.

Aber sei’s drum.

Lies das Buch.

Ich kann es dir empfehlen.

Bibliografische Angaben

Autorin: Elke Heidenreich
Titel: Altern 
Verlag: Hanser Berlin
Erscheinungsdatum: 13. Mai 2024
Umfang: 112 Seiten
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-446-27964-3

Weitere Informationen zum Buch gibts auf der Website des Hanser Verlags.

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