Kalte Tage von Charlotte Link: Ein würdiger Abschluss für Kate Linville?

Kalte Tage von Charlotte Link: Ein würdiger Abschluss für Kate Linville?

Kalte Tage von Charlotte Link: Ein würdiger Abschluss für Kate Linville?

Geschrieben von Constanzia Norström

Mit Kalte Tage legt Charlotte Link den sechsten Band ihrer Kate-Linville-Reihe vor. Der komplexe Kriminalroman überzeugt mich mit einer verschachtelten Handlung, überraschenden Wendungen und einer Auflösung, die ich nicht vorhersehen konnte. Besonders begeistert hat mich allerdings die Entwicklung von Kate Linville. Warum ich diesen Band nicht nur für einen spannenden Thriller, sondern auch für einen würdigen Abschluss halte, erfährst du in meiner Rezension.

Lesezeit: 8 Minuten
Geschrieben am: 16.10.2026 | aktualisiert am 20.10.2026

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Inhaltsverzeichnis

Es gibt Autor*innen, zu denen man immer wieder zurückkehrt, weil man weiß, was man bekommt und weil man weiß, dass das etwas verdammt Gutes ist. Charlotte Link gehört für mich genau in diese Kategorie. Ich habe bereits Unmengen ihrer Bücher gelesen und würde mich ohne Zögern als Fan bezeichnen.

Ihre Fähigkeit, komplexe Handlungen zu erzählen, mit Sprache umzugehen und Spannung aufzubauen, beeindruckt mich immer wieder. Mit Kalte Tage, dem sechsten Band der Kate-Linville-Reihe, hat sie mich erneut begeistert. Doch dieses Mal war es nicht allein der Kriminalfall, der mich überzeugt hat. Es war vor allem die Art und Weise, wie Charlotte Link ihrer Romanheldin begegnet und ihr einen würdigen Abschluss ermöglicht.

Worum geht es in Kalte Tage?

In einer verschneiten Winternacht wartet Mariana auf ihre Tochter Gillian, die sich über eine Dating-App mit einem fremden Mann verabredet hat. Als ein Fremder in ihrem Haus auftaucht, beginnt ein Albtraum. Am nächsten Morgen wird die Polizei in Scarborough zu einem erschossenen Mann gerufen, während eine junge Frau spurlos verschwunden ist.

Detective Inspector Kate Linville übernimmt die Ermittlungen. Kurz darauf wird auch ein Autofahrer vermisst, der auf einer einsamen Landstraße unterwegs war. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Andrew Seymour versucht Kate, die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen aufzudecken und einen skrupellosen Täter aufzuhalten.

Wie so häufig bei Charlotte Link sind die Geschehnisse miteinander verwoben. Verschiedene Menschen geraten in Situationen, deren Zusammenhänge zunächst nicht erkennbar sind. Nach und nach entsteht ein komplexes Bild, das Kate vor eine Aufgabe stellt, die sie beruflich und persönlich an ihre Grenzen bringt.

Charlotte Link: Eine Autorin, die Spannung und Sprache beherrscht

Bevor wir richtig reinstarten, müssen wir über Charlotte Link sprechen. Ich habe schon viele Bücher von ihr gelesen und bin immer wieder beeindruckt davon, auf welchem Niveau sie ihre Geschichten erzählt. Für mich gehört sie zu den Autorinnen, deren schriftstellerisches Können weit über eine gute Idee für einen spannenden Kriminalfall hinausgeht. Sie ist eine begnadete Schreiberin, die mit Sprache umzugehen weiß und Geschichten entwickelt, von deren Niveau viele andere Autor*innen aus meiner Sicht nur träumen können.

Charlotte Link findet für mich einen wunderbaren Mittelweg zwischen Spannung, psychologischer Tiefe und komplexen Handlungssträngen. Ihre Bücher sind häufig düster, manchmal geradezu unheimlich und selten so durchschaubar, wie man es vielleicht erwartet. Gleichzeitig wirken ihre Geschichten nie wie bloße Konstruktionen, die einzig dazu dienen, möglichst viel Drama zu erzeugen.

Das finde ich besonders bemerkenswert: In ihren Büchern passieren oft unglaublich schlimme Dinge. Die Figuren erleben Verluste, Gewalt, Einsamkeit und Schicksalsschläge. Manchmal denkt man beim Lesen, dass man wirklich niemandem ein solches Leben wünschen würde. Und trotzdem empfinde ich die Geschichten nicht als übertrieben dramatisch. Sie fühlen sich für mich immer erstaunlich nah, nahezu real an. Charlotte Link beschönigt nichts, aber sie muss ihre Figuren auch nicht künstlich in Szene setzen, damit ihre Schicksale berühren. Ein wichtiger Aspekt, den Charlotte Link hier sehr erfolgreich umsetzt, denn Freida McFadden wird diesem Faktor mit ihren Büchern für mich leider nicht gerecht, wie du hier nachlesen kannst.

Auch die Art, wie sie Spannung aufbaut, gefällt mir ausgesprochen gut. Sie wechselt zwischen verschiedenen Perspektiven, lässt Handlungsstränge nebeneinanderlaufen und gibt immer nur so viel preis, dass ich weiter miträtseln möchte. Ich versuche bei ihren Büchern regelmäßig, den Täter zu erraten. Bislang mit überschaubarem Erfolg. Genau einmal ist mir das gelungen. Auch bei Kalte Tage hatte ich keine Ahnung, wer tatsächlich hinter den Verbrechen steckt.

Für mich ist Charlotte Link eine Autorin, die ihr Handwerk nicht nur beherrscht, sondern es auf einem Niveau ausübt, das ich sehr bewundere. Und vermutlich werde ich damit in Zukunft auch nicht allzu schnell aufhören. 

Meine Rezension zu Kalte Tage

Vorsicht: Ab hier folgen Spoiler zum Vorgängerband und zur Entwicklung der Hauptfigur.

Charlotte Link macht es ihren Leser*innen auch in Kalte Tage nicht unbedingt leicht. Sie arbeitet mit Perspektivwechseln, springt zwischen Figuren und Ereignissen und lässt ihre Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln entstehen. Dadurch wirkt der Fall anfangs verworren. Einzelne Ereignisse scheinen nicht unbedingt zusammenzupassen, und es dauert, bis sich die Verbindungen zwischen den verschiedenen Handlungssträngen abzeichnen. 

Genau das gefällt mir an ihren Romanen. Ich möchte nicht nach wenigen Kapiteln bereits wissen, wer der Täter ist und wie sich alles auflösen wird. Ich möchte miträtseln, falsche Fährten verfolgen und am Ende überrascht werden. Kalte Tage hat mir genau das geboten. Ich bin nicht auf die Auflösung gekommen und wurde bis zum Schluss gut unterhalten.

Ich habe den Roman als Hörbuch gehört. Die Lesung von Claudia Michelsen hat mich durch die Geschichte begleitet, und gerade bei einem so komplexen Kriminalfall ist es spannend, den verschiedenen Perspektiven zu folgen. Die Hörbuchfassung ist gekürzt und dauert rund 16 Stunden und 18 Minuten. Das sollte man wissen, wenn man sich für diese Ausgabe entscheidet. Es wurde offenbar aber auch so galant gekürzt, dass ich mir nicht vorstellen kann, an welcher oder welchen Stellen Inhalte ausgelassen wurden. Ich habe das Hörbuch sehr genossen. Der Fall ist durchdacht, spannend und für mich bis zum Schluss undurchschaubar. Es gibt aber noch einen weiteren Grund und der heißt Kate Linville.

Kalte Tage Charlotte Link persönliche Einordnung

Kate Linville: Eine großartige Ermittlerin, deren Leben lange unbefriedigend bleibt

Ich habe alle Bücher der Kate-Linville-Reihe gelesen und mochte Kate von Anfang an. Sie ist eine tolle Ermittlerin, die ihren Beruf beherrscht und sich in schwierigen Situationen behaupten kann. Gleichzeitig war ihre persönliche Entwicklung für mich über viele Bände hinweg immer wieder frustrierend.

Kate scheint ein Mensch zu sein, der unbedingt Kontrolle und Sicherheit braucht. Sie möchte ihr Leben im Griff haben, sich auf Dinge verlassen können und einen festen Boden unter den Füßen haben. Ausgerechnet ihr eigenes Leben ist aber von Unsicherheit geprägt. Es scheint ständig etwas Schlimmes zu passieren. Kaum hat man das Gefühl, dass sich für Kate eine Möglichkeit auftut, ihr Leben zum Besseren zu wenden, kommt der nächste Schicksalsschlag.

Das zieht sich durch die Reihe. Ihre Einsamkeit ist von Anfang an ein Thema. Kate hat wenig Menschen, auf die sie sich verlassen kann, und ihr Privatleben wirkt häufig traurig und leer. Sie sucht Halt an Orten, die für sie mit schönen Erinnerungen verbunden sind, etwa im Elternhaus, in dem sie sich als Kind wohlgefühlt hat. Es entsteht der Eindruck, dass sie sich an Vergangenes klammert, während ihr gegenwärtiges Leben immer wieder aus den Fugen gerät.

Als Leserin habe ich mich dabei oft gefragt: Mensch, Kate, jetzt ergibt sich doch gerade eine Möglichkeit, etwas zu verändern! Warum nutzt du sie nicht? Warum lässt du dich immer wieder von den Ereignissen überrollen, anstatt einen Schritt nach vorne zu machen? Und vor allem auf andere Menschen zuzugehen, anstatt sich dauernd einzuigeln. Natürlich ist mir klar, dass Menschen nicht einfach aus ihrer Haut können. Gerade jemand, der sich nach Kontrolle und Sicherheit sehnt, kann Schwierigkeiten damit haben, Veränderungen zuzulassen. Und doch war es für mich über die vielen Bände hinweg frustrierend, dieser Entwicklung zuzusehen. Man hätte meinen können, dass Kate irgendwann lernt, loszulassen und sich selbst mehr zuzutrauen. Stattdessen hatte ich häufig das Gefühl, dass sie in ihren Mustern gefangen bleibt. Und damit wird sie zu einer klassischen Figur eines Krimis: Beruflich erfolgreiche Ermittlerin, begabt und hingebungsvoll. Und privat das genaue Gegenteil. Das macht sie als Figur einerseits durchaus interessant. Aber es war eben auch unbefriedigend, weil ich mir für sie so sehr gewünscht habe, dass endlich einmal etwas Gutes passiert. Ich wollte nicht, dass sie immer nur funktioniert, ermittelt und weitermacht, während ihr Privatleben auf der Strecke bleibt. Und teilweise auch sie und ihr Nervenkostüm.

Das Ende des Vorgängerbandes hat dieses Gefühl noch einmal verstärkt. Ihr Kollege und potenzieller Partner, der für Kate zu einem wichtigen Ankerpunkt geworden war, stirbt. Sie kann seinen Tod nicht verhindern und bleibt erneut mit einem Verlust zurück. Mit diesem Gefühl bin ich aus Dunkles Wasser herausgegangen – und entsprechend groß war meine Hoffnung, dass Charlotte Link ihrer Hauptfigur im sechsten Band einen versöhnlicheren Abschluss ermöglicht. Und ich finde: Das ist ihr gelungen. Und zwar mit Bravour.

Warum mir das Ende von Kalte Tage so gut gefällt

Was mir an Kalte Tage besonders gut gefällt, ist die veränderte Perspektive auf Kate. Ihre Eigenschaften werden nicht länger ausschließlich als Defizite dargestellt. Ihre Zurückhaltung, ihre Selbstständigkeit und ihre Fähigkeit, allein zurechtzukommen, erscheinen plötzlich in einem anderen Licht. Was zuvor wie Einsamkeit oder ein Mangel an Lebensglück wirkte, wird zu einer Stärke. Kate braucht keinen Mann, der ihr Leben vervollständigt, auch wenn sie sich einen Partner wünscht. Sie ist eine eigenständige Frau, die ihren Beruf beherrscht, Entscheidungen treffen kann und auch dann handlungsfähig bleibt, wenn sie sich in einer schwierigen Situation wiederfindet. Das wird besonders im Showdown deutlich. Kate ist mit dem Täter konfrontiert und wartet zunächst auf die Hilfe eines Mannes, von dem sie sich Unterstützung erhofft und der sich im Verlauf des Romans zu einer Bezugsperson für sie entwickelt. Als ihr klar wird, dass diese Hilfe nicht kommen wird, bleibt ihr nichts anderes übrig, als selbst zu handeln. Und genau das tut sie. Sie gibt nicht auf. Sie wartet nicht darauf, dass jemand anderes die Situation für sie löst. Sie übernimmt Verantwortung und regelt die Dinge selbst.

Für mich ist das ein entscheidender Moment ihrer Entwicklung. Kate wird nicht plötzlich zu einer völlig anderen Person. Vielmehr zeigt Charlotte Link, dass die Stärke, die bereits in ihr steckt, die ganze Zeit da war. Sie muss nicht erst durch einen Mann bestätigt werden, um wertvoll zu sein.

Was früher als Schwäche erschien, wird zur Stärke

Ich finde es besonders gelungen, wie Charlotte Link die Wahrnehmung ihrer Hauptfigur verändert. Kate wird nicht nur durch ihre eigenen Handlungen anders eingeordnet. Auch andere Figuren begegnen ihr mit Bewunderung. Besonders deutlich wird das an einer Nebenfigur, die über Jahre von ihrem Mann misshandelt wird. Sie betrachtet Kate als jemanden, dem so etwas nicht passieren würde, weil Kate ihr Leben im Griff hat und selbstständig ist. Natürlich ist niemand davor gefeit, Opfer von Gewalt zu werden. Gewalt ist keine Frage davon, ob eine Frau ihr Leben im Griff hat. Innerhalb der Geschichte wird aber deutlich, dass Kate Eigenschaften besitzt, die von anderen Frauen als Stärke wahrgenommen werden: Sie kann für sich selbst einstehen, ist unabhängig und lässt sich nicht ohne Weiteres unterbuttern. Für mich bekommt die Figur dadurch eine neue Tiefe. Ihre Selbstständigkeit wird nicht länger als trauriger Ersatz für ein erfülltes Privatleben behandelt. Sie ist ein Wert an sich.

Deshalb empfinde ich Kalte Tage auf eine gewisse Art und Weise als feministisch. Kate muss nicht über eine romantische Beziehung gerettet werden. Sie darf eine Frau sein, die allein zurechtkommt und deren Leben trotzdem lebenswert ist. Das bedeutet nicht, dass Nähe, Freundschaft oder Liebe unwichtig wären. Es bedeutet vielmehr, dass eine Frau nicht erst durch einen Partner vollständig wird.

Ich finde es schön, dass Charlotte Link diesen Gedanken nicht mit einer plakativen Botschaft vermittelt, sondern ihn in die Handlung und in Kates Verhalten einbettet.

Ein Ende, das der Figur und der Reihe gerecht wird

Was mich an diesem Band besonders berührt hat, ist die Wertschätzung, die Kate als Figur entgegengebracht wird. Nach so vielen Büchern, in denen sie häufig als graue Maus erschien, die privat nicht richtig auf die Beine kommt, fühlt sich diese Entwicklung wie eine Anerkennung an. Kate darf zeigen, was sie kann. Sie darf bewundert werden. Und sie darf eine schwierige Situation überstehen, ohne dass ihr jemand zu Hilfe kommen muss. Für mich ist das ein würdiger Weg, ihre Geschichte weiterzuführen und einen Abschluss einzuleiten. Charlotte Link hätte es sich einfach machen und Kate am Ende mit einer neuen Beziehung belohnen können. Stattdessen entscheidet sie sich für etwas, das ich deutlich überzeugender finde: Sie lässt ihre Heldin ihre eigene Stärke erkennen, sie gibt ihr Raum dafür.

Gerade wenn man eine Figur über sechs Bände hinweg begleitet, ist das keine Kleinigkeit. Als Autorin muss man nicht nur eine spannende Geschichte erzählen, sondern auch der Entwicklung gerecht werden, die man selbst über Jahre hinweg aufgebaut hat. Leser*innen bringen Erwartungen mit. Sie fiebern mit, ärgern sich über Entscheidungen und hoffen, dass sich bestimmte Dinge endlich zum Guten wenden. Ein Ende kann deshalb viel kaputtmachen, wenn es sich nicht aus der Geschichte heraus ergibt. Manchmal hat man bei Kriminalromanen das Gefühl, dass die offensichtlichste Idee genommen wird, weil sie gerade praktisch erscheint. Bei manchen Büchern von Freida McFadden ging es mir beispielsweise schon so, dass ich nach einer Auflösung dachte: Das soll jetzt die Antwort sein? Das ergibt für mich überhaupt keinen Sinn. Bei Kalte Tage hatte ich dieses Gefühl nicht. Charlotte Link nimmt sich die Zeit, Kate gerecht zu werden. Die Entwicklung wirkt für mich weder beliebig noch konstruiert. Sie ist nachvollziehbar und fügt sich in die Geschichte ein.

Ich finde, Charlotte Link hat das ausgesprochen charmant und souverän gelöst. Es ist ein Ende, das nicht einfach nur die Handlung abschließt, sondern auch die Figur würdigt. Und genau deshalb empfinde ich es als Charlotte-Link-gerecht: Es ist nicht platt, nicht kitschig und nicht unnötig dramatisch. Es ist ein Abschluss, der zu dieser düsteren, komplexen Reihe passt und mir trotzdem etwas Versöhnliches mitgibt. Ich habe Kate Linville über sechs Bände begleitet. Ich habe mit ihr mitgefiebert, mich über ihr Pech geärgert und mir gewünscht, dass sie endlich einmal etwas mehr Glück haben darf. Mit Kalte Tage habe ich nun das Gefühl, dass Charlotte Link ihr genau das zugesteht und zwar indem sie ihr etwas Grundlegendes gibt: Selbstvertrauen, Handlungsfähigkeit und Würde. Und das finde ich wundervoll. 

Fazit: Lohnt sich Kalte Tage von Charlotte Link?

Für mich ist Kalte Tage ein großartiger sechster Band der Kate-Linville-Reihe. Der Kriminalfall ist komplex, die wechselnden Perspektiven sorgen für Spannung, und die Auflösung hat mich erneut überrascht. Ich hatte keine Ahnung, wer der Täter ist, und genau das erwarte ich von einem guten Kriminalroman.

Noch wichtiger ist für mich allerdings die Entwicklung von Kate Linville. Charlotte Link gelingt es, ihre Hauptfigur neu zu betrachten, ohne sie dafür grundlegend verändern zu müssen. Aus vermeintlichen Schwächen werden Stärken, aus der einsamen Frau wird eine selbstständige Persönlichkeit, die sich nicht von einem Mann abhängig macht. Und aus dem Wunsch nach einem klassischen Happy End wird etwas, das ich als wesentlich würdevoller empfinde.

Charlotte Link hat mich mit Kalte Tage nicht nur als Krimiautorin überzeugt, sondern auch mit ihrer Art, einer langjährigen Romanfigur gerecht zu werden. Für mich ist dieser Band ein gelungener Abschluss einer Entwicklung, die ich über viele Bücher hinweg verfolgt habe. Wer Kate Linville bereits kennt, sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen. Und wer Charlotte Link für ihre komplexen Geschichten, ihre Sprache und ihre überraschenden Wendungen schätzt, dürfte ebenfalls auf seine Kosten kommen.

Für mich bleibt nach der Lektüre vor allem ein Gedanke: Eine Frau muss nicht darauf warten, dass jemand kommt und ihr Leben in Ordnung bringt. Manchmal besteht das schönste Ende darin, dass sie erkennt, dass sie es selbst kann.

Meine Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Bibliografische Angaben zu Kalte Tage

  • Titel: Kalte Tage
  • Autorin: Charlotte Link
  • Verlag der gebundenen Ausgabe: Blanvalet
  • Erscheinungsdatum: 23. September 2026
  • Umfang: 624 Seiten
  • ISBN der gebundenen Ausgabe: 978-3-7645-0798-5
  • Reihe: Die Kate-Linville-Reihe, Band 6
  • Genre: Kriminalroman / Thriller

Angaben zur Hörbuchfassung:

  • Hörbuchverlag: Random House Audio
  • Sprecherin: Claudia Michelsen
  • Fassung: Gekürzte Lesung
  • Spieldauer: 16 Stunden und 18 Minuten
  • ISBN: 978-3-7599-0403-4

Häufige Fragen zu Kalte Tage von Charlotte Link

FAQ Grafik zu Kalte Tage von Charlotte Link

Ist Kalte Tage der sechste Band der Kate-Linville-Reihe?

Ja, Kalte Tage ist der sechste Band der Kate-Linville-Reihe. Die vorherigen Bände heißen Die Betrogene, Die Suche, Ohne Schuld, Einsame Nacht und Dunkles Wasser.

Muss man die vorherigen Bücher gelesen haben?

Der Kriminalfall in Kalte Tage ist grundsätzlich eigenständig. Wer die Entwicklung von Kate Linville und ihr Privatleben besser verstehen möchte, sollte die Reihe jedoch in der richtigen Reihenfolge lesen. Gerade die persönliche Entwicklung der Ermittlerin entfaltet ihre Wirkung über mehrere Bände hinweg.

Worum geht es in Kalte Tage?

In einer verschneiten Winternacht verschwindet eine junge Frau, und in Scarborough wird ein Mann erschossen. Detective Inspector Kate Linville übernimmt die Ermittlungen. Als weitere Personen verschwinden, muss sie die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen erkennen und einen skrupellosen Täter aufhalten.

Wie viele Sterne bekommt Kalte Tage in dieser Rezension?

Ich vergebe 5 von 5 Sternen. Besonders überzeugt haben mich die komplexe Handlung, die überraschende Auflösung und die würdevolle, überzeugende Entwicklung von Kate Linville.

Gibt es Kalte Tage als Hörbuch?

Ja. Die Hörbuchfassung ist bei Random House Audio erschienen und wird von Claudia Michelsen gelesen. Es handelt sich um eine gekürzte Lesung mit einer Laufzeit von rund 16 Stunden und 18 Minuten.

Ist Kalte Tage ein gutes Ende für die Kate-Linville-Reihe?

Für mich ist es ein sehr würdiger Abschluss für die Entwicklung der Hauptfigur. Besonders gefällt mir, dass Kate ihre Selbstständigkeit und Stärke unter Beweis stellt, statt dass ihr Glück allein von einer romantischen Beziehung abhängig gemacht wird. Für mich spiegelt es ein sehr modernes, zeitgemäßes Gedankengut wider. 

Sind die Bücher von Charlotte Link gut?

Wenn du spannende Kriminalromane mit komplexen Handlungen, psychologischer Tiefe und überraschenden Wendungen magst, sind die Bücher von Charlotte Link eine gute Wahl. Die Autorin versteht es, mehrere Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen, vielschichtige Figuren zu erschaffen und eine düstere Atmosphäre aufzubauen. Nicht umsonst zählt sie zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen und ihre Bücher finden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten.

Als langjährige Leserin schätze ich besonders, dass Charlotte Link ihre Geschichten nicht nur über überraschende Auflösungen trägt, sondern auch die menschlichen Abgründe und die Entwicklung ihrer Figuren in den Mittelpunkt stellt.

Welche weiteren Bücher kannst du von Charlotte Link empfehlen?

Wenn du weitere Bücher von Charlotte Link lesen möchtest, kann ich dir besonders Die Betrogene, Die Suche, Die Täuschung und Das andere Kind empfehlen. Letzteres hat für mich einen besonderen Stellenwert, denn mit Das andere Kind bin ich damals auf Charlotte Link aufmerksam geworden. Seitdem bin ich ein großer Fan ihrer Bücher.

Besonders ans Herz legen möchte ich dir Das andere Kind, wenn du Kriminalromane magst, die psychologische Spannung mit historischen Hintergründen und dem Kriegsgeschehen verknüpfen. Genau diese Verbindung macht den Roman für mich besonders lesenswert.

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Freida McFadden: Bücher, Reihenfolge und meine Meinung

Freida McFadden: Bücher, Reihenfolge und meine Meinung

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Geschrieben von Constanzia Norström

Du möchtest wissen, in welcher Reihenfolge du die Bücher von Freida McFadden lesen solltest oder suchst einen Überblick über ihre Thriller? Dann bist du hier richtig. Die meisten Bücher der Autorin sind eigenständige Romane und können unabhängig voneinander gelesen werden. Eine Ausnahme ist die bekannte Housemaid-Reihe rund um Millie.

Ich habe inzwischen sieben Bücher von Freida McFadden gelesen, darunter die komplette Housemaid-Trilogie. Deshalb findest du hier zunächst die Bücher und ihre Reihenfolge im Überblick. Anschließend erzähle ich dir, welche ihrer Thriller ich gelesen habe, was mir daran gefällt – und vor allem, was mich immer wieder stört.

Denn obwohl Freida McFadden mit ihren Psychothrillern enorme Erfolge feiert, fällt mein persönliches Urteil deutlich kritischer aus, als man angesichts des Hypes vielleicht erwarten würde.

Veröffentlicht am 27.08.2026 | aktualisiert am 09.10.2026
Lesezeit: 6 Minuten

Freida McFadden – Bücher und meine persönliche Meinung zu ihren Thrillern

Inhaltsverzeichnis

Wer ist Freida McFadden?

Freida McFadden ist das Pseudonym einer amerikanischen Ärztin und Autorin, die vor allem für ihre Psychothriller bekannt ist. Ihre Bücher wurden international zu Bestsellern und haben ihr insbesondere mit der Housemaid-Reihe eine große Leserschaft eingebracht.

Unter ihrem Pseudonym veröffentlicht McFadden vor allem Thriller, in denen Geheimnisse, überraschende Wendungen und psychologische Spannungen eine wichtige Rolle spielen. Neben der Housemaid-Reihe hat sie zahlreiche eigenständige Romane veröffentlicht.

Besonders bekannt wurde sie mit The Housemaid, das auf Deutsch unter dem Titel Wenn sie wüsste erschienen ist. Die Geschichte um Millie wurde anschließend mit Sie kann dich hören und Sie wird dich finden fortgesetzt. Auch eine Kurzgeschichte mit Millie, Weil sie dich kennt, gehört zum Housemaid-Universum.

Die Verfilmung von The Housemaid – Wenn sie wüsste ist inzwischen ebenfalls erschienen.

Und genau deshalb wird es jetzt interessant: Ich habe inzwischen sieben Bücher von Freida McFadden gelesen. Drei davon gehören zur Housemaid-Reihe, vier sind Einzelromane. Und obwohl ich damit vermutlich deutlich mehr als genug Gelegenheit hatte, herauszufinden, was andere an ihren Büchern so begeistert, fällt mein persönliches Fazit ziemlich kritisch aus.

Freida McFadden Bücher: Reihenfolge und Übersicht

Wenn du einfach wissen möchtest, welche Bücher von Freida McFadden es gibt und in welcher Reihenfolge du sie lesen solltest, ist die Sache zum Glück überschaubar: Die meisten ihrer Thriller sind Einzelromane und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Die bekannteste Buchreihe ist die Housemaid-Reihe mit Millie. Hier solltest du die drei Romane in der richtigen Reihenfolge lesen. Dazu kommt eine kurze Geschichte, die zeitlich zwischen dem zweiten und dritten Band spielt.

Bei den übrigen Büchern handelt es sich überwiegend um eigenständige Psychothriller. Du musst also nicht mit einem bestimmten Buch anfangen und kannst die Romane grundsätzlich nach deinem persönlichen Interesse auswählen.

Reihenfolge Deutscher Titel Originaltitel
Band 1 Wenn sie wüsste The Housemaid
Band 2 Sie kann dich hören The Housemaid's Secret
Zwischen Band 2 und 3 Weil sie dich kennt The Housemaid's Wedding
Band 3 Sie wird dich finden The Housemaid Is Watching

 

Neben der Housemaid-Reihe hat Freida McFadden zahlreiche eigenständige Thriller veröffentlicht. Die deutschen Ausgaben erscheinen teilweise zeitversetzt zu den englischen Originalen. Dadurch kann die Reihenfolge der deutschen Veröffentlichungen von der ursprünglichen Erscheinungsreihenfolge abweichen.

Deutscher Titel Originaltitel Jahr der deutschen Ausgabe
Die Kollegin The Coworker 2025
Der Lehrer The Teacher 2025
Der Freund The Boyfriend 2025
Die Ehefrau The Wife Upstairs 2026
Häftling The Inmate 2026
Die Psychiaterin Never Lie 2026
Die verschlossene Tür The Locked Door 2026
Der Unfall The Crash 2026*
Die Untermieterin The Tenant 2027*

* angekündigte deutsche Ausgaben.

Handschriftliche Handlungsskizze mit markierten Wendungen und Notizen auf Papier.

Die Housemaid-Reihe in der richtigen Reihenfolge

Wenn du mit Freida McFadden anfangen möchtest, wirst du wahrscheinlich ziemlich schnell auf die Housemaid-Reihe stoßen. Sie ist ihre bekannteste Buchreihe und erzählt die Geschichte von Millie, die in verschiedenen Lebenssituationen immer wieder in Haushalte gerät, in denen nicht alles so ist, wie es zunächst scheint.

Die drei Romane bauen aufeinander auf. Deshalb würde ich sie in der folgenden Reihenfolge lesen:

Band 1: Wenn sie wüsste

Originaltitel: The Housemaid

Hier lernen wir Millie kennen, die eine Stelle als Haushaltshilfe bei einer wohlhabenden Familie annimmt. Was zunächst nach einem Glücksfall aussieht, entwickelt sich schnell in eine ganz andere Richtung. Wenn sie wüsste ist der Auftakt der Reihe und für mich deshalb der richtige Einstieg in die Welt von Freida McFadden.

Band 2: Sie kann dich hören

Originaltitel: The Housemaid's Secret

Im zweiten Band ist Millie wieder als Haushaltshilfe tätig und landet erneut in einem Haushalt, in dem offensichtlich nicht alles so ist, wie es zunächst scheint. Die Geschichte knüpft an Millies Vergangenheit an und führt die Reihe mit einer neuen Familie und neuen Geheimnissen weiter.

Zwischen Band 2 und 3: Weil sie dich kennt

Originaltitel: The Housemaid's Wedding

Bei Weil sie dich kennt handelt es sich um eine deutlich kürzere Geschichte, die zeitlich zwischen dem zweiten und dritten Band spielt. Sie ist für die eigentliche Handlung der Trilogie nicht zwingend notwendig, kann aber gelesen werden, wenn du Millies Geschichte vollständig verfolgen möchtest.

Ich habe die Geschichte natürlich ebenfalls gelesen. Und ich bin leider nach wie vor kein großer Fan – weder von Freida McFadden noch von Millie. Warum das so ist, wird im weiteren Verlauf des Artikels noch deutlich.

Band 3: Sie wird dich finden

Originaltitel: The Housemaid Is Watching

Im dritten Band hat Millie inzwischen ein anderes Leben. Sie ist nicht mehr einfach nur die Haushaltshilfe aus den ersten beiden Büchern, doch ihre Vergangenheit scheint sie noch nicht ganz in Ruhe zu lassen. Damit bildet Sie wird dich finden den Abschluss der eigentlichen Housemaid-Trilogie.

Diese Bücher von Freida McFadden habe ich gelesen

Das ist aber noch längst nicht alles, was ich von Freida McFadden gelesen habe. Starten wir mit Die Kollegin.

Die Kollegin ist inzwischen schon eine Weile her, deshalb sind meine Erinnerungen daran nicht mehr ganz so frisch. Ich weiß aber noch, dass ich das Buch grundsätzlich okay fand, mich aber auch hier nichts wirklich vom Hocker gehauen hat. Wieder gibt es diesen Moment, in dem sich die Geschichte plötzlich dreht und man merkt: Ach so, darum ging es also. Das kann natürlich funktionieren. Bei mir hat es das allerdings nicht so richtig, weil ich bis dahin keine besonders starke Verbindung zu den Figuren aufgebaut hatte. Dann dreht sich alles, ich nehme die neue Information zur Kenntnis und denke mir: Alles klar. Und wenn ich einen Twist letztlich nur zur Kenntnis nehme, statt dass er mich wirklich trifft, hat mich ein Buch eben nicht überzeugt.

Bei Der Lehrer ging es mir ähnlich. Wobei mir hier noch stärker aufgefallen ist, wie viel Raum Männer, Beziehungen und Sexualität in der Geschichte einnehmen. Immer wieder geht es darum, wer mit wem etwas hat, wer mit wem irgendwo verschwindet oder welche Beziehung zwischen welchen Figuren besteht. Mich hat das ehrlich gesagt ziemlich kaltgelassen. Ich habe dabei weniger mit den Figuren mitgefiebert als mich irgendwann gefragt, warum diese Dinge für die Geschichte eigentlich so einen großen Stellenwert haben.

Der Häftling hat mich dann vor allem an einer anderen Stelle gestört: bei der Konstruktion der Geschichte. Die Hauptfigur braucht dringend einen Job und landet deshalb ausgerechnet in einem Gefängnis. Und dort sitzt ausgerechnet ein Mann, mit dessen Verurteilung sie durch ihre Aussage zu tun hat. Das ist natürlich ein praktischer Ausgangspunkt für einen Thriller. Ich habe beim Lesen trotzdem irgendwann gedacht: Wirklich? Genau so treffen die beiden jetzt wieder aufeinander?

Handschriftliche Notizen zu gelesenen Büchern und den eigenen Gedanken dazu.

Vielleicht ist das unfair, denn natürlich müssen Geschichten konstruiert sein. Sie passieren nicht einfach, sondern jemand muss sich überlegen, wie Figuren zusammenkommen und warum bestimmte Dinge passieren. Aber ich möchte diese Konstruktion beim Lesen möglichst wenig spüren. Bei Der Häftling habe ich sie ziemlich deutlich gespürt. Und auch hier wird die Geschichte immer wieder gedreht und gewendet, während dazwischen sehr viel Beziehungs- und Romantikgeschichte stattfindet, die mich persönlich überhaupt nicht abgeholt hat.

Das ist vielleicht auch der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass mir bei Freida McFadden etwas Grundsätzliches fehlt: Ich bekomme die Figuren nicht wirklich zu fassen. Ich verstehe ihre Entscheidungen, ihre Gefühle oder ihre Beziehungen nicht immer so, dass ich selbst etwas davon empfinde. Ich lese, was passiert, aber ich leide nicht mit. Ich bin nicht besonders erschüttert, begeistert oder wütend. Genau genommen fühle ich nichts oder erwische mich dabei, wie ich mit den Augen drehe, wenn es schon wieder um die Attraktivität irgendwelcher Männer geht.

Bei Die Ehefrau ging es mir ähnlich wie bei den anderen Büchern von Freida McFadden. Der Einstieg wirkte auf mich zwar etwas einfallsreicher, aber auch hier spielen Männer, Beziehungen und Zufälle eine ziemlich große Rolle. Teilweise fand ich es schon bemerkenswert, über wie viele Umwege Menschen miteinander verbunden werden und wie passend sich manche Begegnungen für die Handlung ergeben. Vielleicht bin ich in der Hinsicht besonders kritisch. Aber wenn ich ohnehin Schwierigkeiten habe, eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen, fallen mir solche Konstruktionen umso stärker auf.
Ob mich das Buch am Ende doch noch überzeugen konnte und wie ich die Geschichte insgesamt bewerte, erzähle ich in meiner ausführlichen Rezension zu Die Ehefrau von Freida McFadden.

Mit Die verschlossene Tür hat Freida McFadden mich tatsächlich positiv überrascht. Das Buch hat mir bisher von ihren Thrillern am besten gefallen. Vor allem die Hauptfigur Nora fand ich deutlich interessanter als viele der anderen ProtagonistInnen. Ihre Vergangenheit erklärt nachvollziehbar, warum sie auf Abstand zu anderen Menschen bleibt und unbedingt vermeiden möchte, dass jemand herausfindet, wer ihr Vater war. Dadurch hatte die Geschichte für mich mehr Tiefe, und auch die Handlung konnte mich diesmal überraschen. Tatsächlich hab ich mich bei dem Täter in dem Fall auch vertippt - 1 zu 0 für Freida McFadden.
Ganz ohne meine üblichen Kritikpunkte kommt aber auch dieses Buch nicht aus. Denn auch der schöne Mann und der Bizeps sind wieder mit dabei. Trotzdem hat mich Die verschlossene Tür insgesamt deutlich mehr überzeugt als die anderen Bücher, die ich bisher von McFadden gelesen habe. Im Detail kannst du es in meiner Rezension zu Die verschlossene Tür von Freida McFadden nachlesen.

Und damit habe ich eigentlich schon einiges von dem angesprochen, was mich an Freida McFaddens Büchern beschäftigt. Ich habe inzwischen mehrere ihrer Thriller gelesen und dabei immer wieder ähnliche Dinge wahrgenommen: überraschende Wendungen, konstruierte Zufälle, Männer und Beziehungen als wiederkehrenden Mittelpunkt und Figuren, zu denen ich persönlich nur schwer eine Verbindung aufbauen kann. Oder, um es genau zu nehmen, eigentlich gar nicht. Kommen wir also zum Kern meiner Kritik.

Was mich an Freida McFaddens Büchern stört

Ich glaube, mein größtes Problem mit Freida McFadden lässt sich ziemlich einfach zusammenfassen: Ich komme zu oft darauf, wie ihre Bücher ausgehen. Und für mich ist genau das bei einem Thriller ein ziemlich großes Problem.

Ein guter Thriller muss mich meiner Meinung nach an einen Punkt bringen, an dem ich eben nicht weiß, wie die Geschichte ausgeht. Ich möchte nicht nur überrascht werden, wenn die Autorin mir am Ende eine Information präsentiert, die ich vorher nicht hatte. Ich möchte beim Lesen tatsächlich rätseln, falsche Fährten verfolgen, mich irren und irgendwann denken: Damit habe ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Bei Freida McFadden passiert mir das selten. Meistens habe ich relativ schnell eine Idee, in welche Richtung die Geschichte gehen könnte. Und wenn ich dann am Ende mit meiner Vermutung richtig liege, bleibt bei mir nicht besonders viel übrig.

Das ist vielleicht auch deshalb schade, weil McFadden gerade für ihre Plot Twists so gefeiert wird. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich eines ihrer ersten Bücher gelesen habe und vorher oder währenddessen immer wieder mitbekam, wie großartig ihre Wendungen sein sollen. Ich dachte irgendwann: Gut, dann bin ich jetzt gespannt. Und dann hatte ich die Handlung gelesen, mir meine Gedanken dazu gemacht und kam ziemlich schnell auf eine mögliche Auflösung. Als sie dann tatsächlich in diese Richtung ging, war der große Überraschungsmoment für mich natürlich weg.

Vielleicht hätte das bei mir anders funktioniert, wenn ich nicht schon mit dieser Erwartung an ihre Bücher herangegangen wäre. Aber inzwischen ist genau das Gegenteil der Fall: Wenn ein neues Buch von Freida McFadden erscheint, weiß ich ungefähr, was mich erwartet. Und je mehr ich von ihr lese, desto stärker habe ich das Gefühl: Kennst du eines, kennst du viele.

Dabei ist ein Twist für mich auch nicht automatisch gut, nur weil er die Handlung einmal komplett umdreht. Ich möchte, dass dahinter eine Idee steckt. Dass ich nach der Auflösung zurückblicke und denke: Natürlich! Warum bin ich darauf nicht gekommen? Genau deshalb hat die Autorin mich die ganze Zeit in eine andere Richtung schauen lassen. Bei McFadden habe ich dagegen häufig eher das Gefühl, dass die Geschichte einmal umgedreht wird und damit ist die Überraschung erledigt.

Mir fehlen die Figuren

Noch wichtiger ist für mich allerdings etwas anderes: Mir sind die Figuren zu oft egal.

Das klingt hart, aber ich möchte beim Lesen eines Thrillers etwas empfinden. Wenn eine Figur plötzlich aus der Handlung verschwindet, getötet wird oder etwas Schlimmes erlebt, möchte ich nicht nur denken: Aha, das war jetzt also der nächste Handlungsschritt. Ich möchte traurig sein. Ich möchte hoffen, dass sie es schafft. Ich möchte mich ärgern, mitfiebern oder Angst haben.

Genau das haben andere Thriller bei mir geschafft. Ich habe zum Beispiel die Kate-Linville-Reihe von Charlotte Link sehr gefeiert. Auch dort gibt es Beziehungen und persönliche Geschichten. Natürlich interessieren sich die Figuren füreinander, verlieben sich oder haben Probleme miteinander. Aber das ist für mich ein Nebenstrang und nicht der gesamte Motor der Geschichte. Viel stärker geht es um die Entwicklung der Figuren, um ihre unterschiedlichen Facetten und darum, dass ich nach und nach ein Gefühl für sie bekomme.

Ich möchte irgendwann an einem Punkt sein, an dem ich beim Lesen denke: Bitte lass das für diese Figur gut ausgehen. Oder: Das kann sie doch jetzt nicht machen. Ich möchte eine Beziehung zu den Menschen aufbauen, über die ich da lese. Und genau das gelingt mir bei Freida McFadden bisher überhaupt nicht.

Das Frauenbild überzeugt mich nicht

Damit komme ich auch zu einem weiteren Punkt, der mir beim Lesen immer wieder aufgefallen ist: das Frauenbild.

In den Büchern, die ich von Freida McFadden gelesen habe, begegnen mir auffällig häufig Frauen, die in irgendeiner Form abhängig oder ausgeliefert sind. Eine Frau braucht dringend einen Job. Eine andere hat Probleme mit einem Ex-Partner. Eine Frau ist krank und auf ihren Ehemann angewiesen. Ein Hausmädchen arbeitet für einen reichen Mann. Dazu kommen Machtgefälle zwischen Männern und Frauen und nicht selten auch sexuelle Spannungen.

Ein einzelnes dieser Elemente würde mich überhaupt nicht stören. Natürlich dürfen Thriller solche Konstellationen erzählen. Aber bei McFadden habe ich irgendwann das Gefühl bekommen, dass sie sich sehr häufig genau dieser Ausgangslage bedient.

Und dann kommt häufig noch die sexuelle Komponente dazu. Das Hausmädchen, das plötzlich Interesse an seinem Arbeitgeber hat. Männer, die eine zentrale Rolle in den Beziehungen der Frauen spielen. Romanzen, Affären und die Frage, wer mit wem etwas hat. Mich persönlich holt das überhaupt nicht ab.

Ich frage mich dann irgendwann: Warum muss es eigentlich schon wieder darum gehen?

Nicht jedes Hausmädchen hat sexuelles Interesse an seinem Arbeitgeber. Nicht jede Frau ist abhängig von einem Mann. Nicht jede Geschichte braucht ein offensichtliches Machtgefälle zwischen Mann und Frau, damit daraus ein Thriller entstehen kann.

Gerade weil Freida McFadden so erfolgreich damit ist, Plots zu konstruieren und Wendungen einzubauen, würde ich mir hier viel mehr wünschen. Warum nicht einmal ein richtig guter Twist, der nicht auf einem solchen Klischee aufbaut? Warum nicht eine Frau, die überhaupt nicht in diese Rolle passt? Warum nicht eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die nicht gleichzeitig die nächste Quelle für Abhängigkeit, Sex oder Macht ist?

Zu viel Konstruktion, zu wenig Leben

Und damit komme ich wieder zu meinem ersten Punkt zurück. Natürlich ist jeder Roman konstruiert. Ein Autor oder eine Autorin muss entscheiden, welche Figuren sich wann begegnen und welche Ereignisse aufeinander folgen. Das ist völlig normal.

Ich möchte diese Konstruktion beim Lesen aber möglichst nicht mitbekommen. 

Bei Freida McFadden gelingt mir das nicht immer. Teilweise sind die Zufälle, durch die Menschen aufeinandertreffen oder bestimmte Informationen zutage kommen, für mich einfach zu offensichtlich auf den Plot zugeschnitten. Und wenn ich beim Lesen merke, dass ich mich darüber ärgere, dass die Idee der Autorin nicht einfallsreicher war, ist es schlicht ein eindeutig negatives Zeichen.

Ich sehe den Twist kommen. Ich sehe, warum diese Figur jetzt auftauchen muss. Ich sehe das Machtgefälle. Ich sehe die Romanze, die wahrscheinlich noch irgendeine Bedeutung bekommen wird. Und während all das passiert, fühle ich mit den Figuren trotzdem erstaunlich wenig.

Das ist für mich bei einem Thriller irgendwann einfach zu wenig.

Denn wenn eine Autorin für ihre spektakulären Wendungen gefeiert wird, dann erwarte ich persönlich mehr als eine Geschichte, die mich immer wieder mit einem ungerührten „Aha!“ zurücklässt. Ich möchte irgendwann „Das habe ich wirklich nicht kommen sehen“ denken. Ich möchte mir den Kopf darüber zermardern, wie die Dinge jetzt wohl zusammenhängen. Ich liebe es, mir ernsthafte und intensive Gedanken dazu zu machen. Und ich möchte gleichzeitig etwas für die Menschen empfinden, denen diese Geschichte passiert. Genau das fehlt mir bei Freida McFadden massiv.

Warum Freida McFadden trotzdem so erfolgreich ist

Bevor ich hier weiter auf den Büchern herumhacke, möchte ich allerdings eine Sache klarstellen: Ich bin keine Literaturkritikerin und erhebe auch überhaupt nicht den Anspruch, Freida McFaddens Bücher mit irgendeiner besonderen fachlichen Expertise einzuordnen. Das hier ist meine persönliche Meinung als Leserin. Und nur weil mir etwas nicht gefällt, bedeutet das natürlich nicht, dass es grundsätzlich schlecht ist.

Im Gegenteil: Ich kann durchaus nachvollziehen, warum ihre Bücher so erfolgreich sind. Vielleicht liegt ein Teil des Erfolgs sogar genau in den Dingen, die mich persönlich stören.

Die Bücher sind leicht zugänglich. Die Kapitel sind kurz, die Handlung kommt schnell voran und man muss sich nicht erst durch 200 Seiten arbeiten, bevor überhaupt etwas passiert. Dazu kommen die vielen Cliffhanger und Wendungen. Man bekommt ständig einen kleinen Grund, noch ein Kapitel zu lesen. Und dann noch eins. Und plötzlich ist das Buch halb durch.

Auch sprachlich sind die Bücher keine große Herausforderung. Der Schreibstil ist unkompliziert, der Wortschatz nicht besonders anspruchsvoll und die Handlung lässt sich gut verfolgen. Das meine ich ausdrücklich nicht abwertend. Unser Alltag ist kompliziert genug. Vielleicht ist es manchmal sogar ziemlich angenehm, ein Buch aufzuschlagen, bei dem man nicht besonders viel leisten muss. Man kann sich zurücklehnen, der Geschichte folgen, sich ein bisschen überraschen lassen und ist nach ein paar Stunden wieder durch.

Auch die Komplexität der Handlung hält sich für mein Empfinden in Grenzen. Es gibt natürlich viele Wendungen, aber man muss nicht unbedingt mehrere Handlungsebenen gleichzeitig auseinanderhalten oder sich durch komplizierte Zusammenhänge arbeiten. Eine Information kommt, dann kommt die nächste Wendung, dann wieder eine neue Information. Das ist ziemlich „snackable“ – man bekommt immer wieder einen kleinen Happen und möchte wissen, was als Nächstes passiert.

Und ich kann mir vorstellen, dass genau das für viele Leserinnen und Leser einen großen Reiz ausmacht. Man muss nicht erst tief in eine Figurenwelt eintauchen, um Spaß an der Geschichte zu haben. Es passiert ständig etwas, es gibt Geheimnisse, Beziehungen, sexuelle Spannungen und natürlich die obligatorische Frage: Wer steckt eigentlich dahinter?

Vielleicht spricht sie damit auch Menschen an, die ohnehin gerne romantische Geschichten lesen und zusätzlich ein bisschen Spannung möchten. Ich kann mir zumindest vorstellen, dass diese Mischung für viele ziemlich gut funktioniert.

Und dann kommt noch etwas hinzu: Die Bücher sind schnell. Man hat nicht das Gefühl, sich durch einen 800-Seiten-Block zu kämpfen. Man bekommt eine Geschichte, ein paar Geheimnisse, mehrere Wendungen und am Ende eine Auflösung. Das kann einfach unterhaltsam sein.

Ich glaube deshalb tatsächlich, dass ich bei Freida McFadden an einem Punkt mit meiner eigenen Erwartungshaltung scheitere. Ich möchte bei einem Thriller gerne rätseln, Figuren kennenlernen, mich emotional an sie binden und am Ende vielleicht sogar ein bisschen erschüttert aus dem Buch herausgehen. Wenn die Auflösung dann nicht besonders überraschend ist und ich gleichzeitig keine große Verbindung zu den Figuren aufgebaut habe, bleibt bei mir nicht mehr wahnsinnig viel.

Aber vielleicht muss ein Buch das auch gar nicht leisten, um erfolgreich zu sein.

Vielleicht ist es manchmal genau das, was Menschen suchen: ein Buch, das einen schnell aus dem Alltag holt, nicht besonders viel verlangt und trotzdem dafür sorgt, dass man wissen möchte, wie es weitergeht.

Und das kann ich Freida McFadden durchaus zugutehalten. Sie weiß offenbar sehr genau, wie man Leserinnen und Leser dazu bringt, weiterzulesen. Nur bedeutet das für mich noch lange nicht, dass ich ihre Bücher auch gut finden muss.

Mein Fazit: Sind die Bücher von Freida McFadden etwas für mich?

Nö. Sind sie nicht.

Ich habe inzwischen einige Bücher von Freida McFadden gelesen und trotzdem greife ich immer wieder zu einem neuen. Vielleicht ist es die Hoffnung, dass mich eines Tages doch noch ein Twist erwischt. Vielleicht denke ich mir auch einfach: Bei diesem Hype muss doch irgendetwas dran sein. Millionen Menschen können sich ja nicht völlig irren. Also lese ich das nächste Buch und denke: Vielleicht ist es diesmal anders.

Bisher war es das nicht.

Im Gegenteil: Mit jedem Buch hat sich meine Meinung eigentlich nur weiter verfestigt. Ich erkenne die Muster schneller, die Wendungen überraschen mich immer weniger und auch die Figuren schaffen es nach wie vor nicht, mich wirklich emotional abzuholen. Dazu kommen die für mich sehr stereotypen Beziehungskonstellationen und die vielen Zufälle, die notwendig sind, damit die Geschichte überhaupt so funktioniert, wie sie funktionieren soll.

Trotzdem würde ich nicht sagen, dass Freida McFadden keine guten Bücher schreibt. Dafür habe ich schlicht nicht die Expertise und dafür gibt es außerdem offensichtlich sehr viele Menschen, die ihre Bücher mit Begeisterung lesen. Ich glaube inzwischen sogar, dass ich ziemlich gut verstehe, warum ihre Bücher funktionieren. Sie sind schnell, unkompliziert, voller kleiner Cliffhanger und lassen sich einfach weglesen. Wer genau das sucht, kann mit ihren Thrillern wahrscheinlich sehr viel Spaß haben.

Ich suche beim Lesen aber etwas anderes. Ich möchte mich an Figuren binden. Ich möchte miträtseln und nicht nur darauf warten, dass die nächste Information präsentiert wird. Und wenn mir ein Buch einen Plot Twist verspricht, möchte ich am Ende tatsächlich überrascht sein.

Vielleicht werde ich deshalb auch weiterhin gelegentlich zu einem Buch von Freida McFadden greifen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Vielleicht kommt ja irgendwann dieser eine Twist, bei dem ich das Buch zuklappe und denke: Okay, den habe ich wirklich nicht kommen sehen.

Bis dahin bleibt mein persönliches Urteil allerdings ziemlich eindeutig: Der Hype um Freida McFadden hat mich bisher nicht überzeugt und ist für mich auch nicht in Gänze nachvollziehbar.

Häufige Fragen zu Freida McFadden

Welche Bücher gehören zur Housemaid-Reihe von Freida McFadden?

Zur Housemaid-Reihe gehören Wenn sie wüsste, Sie kann dich hören und Sie wird dich finden. Die Bücher bauen aufeinander auf und sollten deshalb in dieser Reihenfolge gelesen werden.

In welcher Reihenfolge sollte man die Housemaid-Bücher lesen?

Die richtige Reihenfolge ist: Wenn sie wüsste, Sie kann dich hören und anschließend Sie wird dich finden.

Sind die Bücher von Freida McFadden wirklich spannend?

Das kommt darauf an, was du unter spannend verstehst. Besonders wenn du kurze Kapitel, viele Wendungen und ein hohes Erzähltempo magst, können die Bücher sehr unterhaltsam sein. Genau diese Mischung sorgt dafür, dass man schnell weiterlesen möchte. Mir persönlich fehlt allerdings teilweise die Tiefe bei den Figuren und ich kann viele Wendungen relativ früh erahnen.

Für wen eignen sich die Bücher von Freida McFadden?

Vor allem für Leserinnen und Leser, die unkomplizierte Thriller mit kurzen Kapiteln, schnellen Wendungen und leicht zugänglicher Handlung mögen. Wer besonders viel Wert auf komplexe Figuren und psychologische Tiefe legt, könnte dagegen etwas vermissen.

Welches Buch von Freida McFadden sollte man zuerst lesen?

Wenn du die Housemaid-Reihe kennenlernen möchtest, würde ich mit Wenn sie wüsste beginnen. So lernst du die Figuren und die Ausgangssituation von Anfang an kennen.

Lohnt es sich, Bücher von Freida McFadden zu lesen?

Das kommt darauf an, was du von einem Thriller erwartest. Für schnelle Unterhaltung und überraschende Wendungen funktionieren ihre Bücher für mich gut. Wenn du allerdings tief ausgearbeitete Figuren und besonders komplexe Handlungen suchst, würde ich meine Erwartungen etwas niedriger ansetzen.

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„Die verschlossene Tür“ von Freida McFadden – meine Rezension

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Geschrieben von Constanzia Norström

„Die verschlossene Tür“ ist für mich bisher das beste Buch von Freida McFadden. Warum? Weil hier einiges anders läuft als in ihren anderen Büchern: eine ungewöhnliche Hauptfigur, deutlich mehr Charaktertiefe, weniger Fokus auf Sex und körperliche Anziehung – und tatsächlich ein Plottwist, bei dem ich nicht wusste, wer der Täter ist. Das will bei McFadden schon etwas heißen.

Lesezeit: 5 Minuten
Geschrieben am: 19.09.2026 | aktualisiert am 25.09.2026

Vintage Collage mit getrocknetem Lavendel und einer dunklen Kellertreppe, die zu einer geschlossenen Tür unter einer einzelnen Glühbirne führt.

Inhaltsverzeichnis

Worum geht’s in „Die verschlossene Tür“ von Freida McFadden?

Nora Davis ist Chirurgin und führt ein zurückgezogenes Leben. Sie hat einen guten Beruf, hält andere Menschen möglichst auf Abstand und versucht vor allem eines: ihre Vergangenheit geheim zu halten.

Denn Noras Vater war ein Serienmörder.

Als Jugendliche musste Nora erfahren, was ihr Vater getan hat – und zwar nicht aus den Nachrichten oder aus irgendeiner Zeitung, sondern auf eine Weise, die sich tief in ihr Leben eingebrannt hat. Im Keller ihres Elternhauses entdeckt sie, was dort tatsächlich passiert ist. Ihr Vater wird später getötet, ihre Mutter nimmt sich das Leben und Nora bleibt mit einer Vergangenheit zurück, die sie um jeden Preis hinter sich lassen möchte.

Deshalb lebt sie bewusst zurückgezogen und versucht, möglichst wenig aufzufallen. Beziehungen und Nähe zu anderen Menschen möchte sie vermeiden. Sie hat für sich entschieden, enthaltsam zu leben und niemanden zu nah an sich heranzulassen.

Doch dann passieren Dinge, die ihre Vergangenheit wieder gefährlich nah an die Gegenwart bringen.

Die Geschichte springt dabei immer wieder zwischen Noras Leben als Erwachsene und ihrer Jugend hin und her. Dadurch erfährt man nach und nach mehr darüber, was damals passiert ist, wie eng ihre Beziehung zu ihrem Vater war und warum Nora heute so lebt, wie sie lebt.

Und genau das war für mich einer der Punkte, die dieses Buch von den anderen McFadden-Büchern abheben.

Denn Nora hat tatsächlich eine Geschichte.

Nicht nur eine Vorgeschichte, die irgendwann erklärt, warum die Protagonistin gerade in einer bestimmten Situation steckt, sondern eine Vergangenheit, die ihr Verhalten nachvollziehbar macht. Und das hat mir gefallen.

Warum „Die verschlossene Tür“ für mich bisher ihr bestes Buch ist

Ich habe inzwischen einige Bücher von Freida McFadden gelesen und deshalb mittlerweile einen ziemlich guten Vergleich. Und ich muss tatsächlich sagen: „Die verschlossene Tür“ hat mir davon bisher am besten gefallen.

Das liegt schon beim Auftakt daran, dass die Geschichte anders beginnt. Bei anderen Büchern von McFadden hatte ich häufig das Gefühl, dass wir es mit Frauen zu tun haben, die aus eher schwierigen oder sozial schwächeren Verhältnissen kommen, in Abhängigkeiten geraten und bei denen sehr früh irgendwelche sexuellen Themen eine ziemlich große Rolle spielen.

Hier ist das anders.

Nora ist Ärztin. Chirurgin sogar. Sie ist nicht einfach nur eine Frau, die in eine schwierige Situation stolpert. Sie hat sich ein eigenes Leben aufgebaut und versucht gleichzeitig, ihre Vergangenheit möglichst weit von sich fernzuhalten.

Und ich fand es tatsächlich interessant, warum sie so geworden ist. Denn ihre Beziehung zu ihrem Vater wird nicht einfach nur als Teil ihrer Vorgeschichte abgehandelt. Es wird herausgearbeitet, wie wichtig er ihr war, wie nah sie ihm stand und wie viel er ihr bedeutet hat. Gleichzeitig muss sie irgendwann erkennen, was dieser Mensch tatsächlich getan hat.

Auch die Geschichte mit ihrer Mutter, die sich das Leben nimmt, und die Erlebnisse aus ihrer Jugend geben Nora mehrere Schicksalsschläge mit, die für mich tatsächlich plausibel erklären, warum sie heute so vorsichtig lebt und warum sie unbedingt vermeiden möchte, dass jemand ihre Vergangenheit entdeckt.

Und genau das habe ich bei McFadden bisher häufig vermisst: eine Figur, bei der ich nicht nur weiß, was sie tut, sondern auch wirklich nachvollziehen kann, warum sie es tut.

Dazu kommt, dass auch die Angst vor Ablehnung nicht einfach nur als Noras persönliches Hirngespinst im Raum steht. McFadden spielt tatsächlich damit, dass Nora befürchtet, wegen ihrer Vergangenheit abgelehnt zu werden oder dass andere Menschen in ihr vielleicht doch etwas von ihrem Vater sehen könnten. Und diese Angst bleibt nicht nur eine theoretische Befürchtung. Nora erlebt tatsächlich Ablehnung von einem Menschen, von dem sie sich Zuneigung gewünscht hätte. Genau das fand ich gut gemacht, weil es ihre Angst noch einmal auf eine ganz andere Ebene hebt. Es zeigt ihr nicht nur, wovor sie sich fürchtet, sondern dass diese Furcht tatsächlich Konsequenzen für ihre Beziehungen zu anderen Menschen hat.

Das hat der Geschichte für mich noch einmal etwas mehr Tiefe gegeben und Nora als Figur deutlicher gezeichnet.

Und dann kommt noch etwas dazu, das ich wirklich angenehm fand: Das Buch hatte Humor.

Es gab tatsächlich Dialoge, bei denen ich schmunzeln musste. Und das hat der Geschichte gutgetan. Es war nicht alles permanent düster, dramatisch und auf möglichst große körperliche Attraktivität reduziert.

Wobei wir natürlich nicht völlig vergessen dürfen, mit wem wir es hier zu tun haben.

Philip ist bildschön.

Natürlich.

Dunkle Haare hat er, glaube ich, auch. Und der Bizeps dürfte ebenfalls irgendwo aufgetaucht sein.

Freida McFadden konnte also offenbar auch diesmal nicht ganz über ihren Schatten springen und einen Mann einfach mal aussehen lassen wie einen durchschnittlichen Menschen.

Aber sei's drum.

Ich fand trotzdem, dass das Thema Sexualität und körperliche Anziehung hier deutlich weiter hinten stand. Und das lag für mich vor allem daran, dass Nora selbst sehr klar macht, dass sie keine Nähe möchte. Sie möchte keinen Kontakt zu anderen Menschen und hat sich bewusst für ein enthaltsames Leben entschieden. Dadurch bekommt die Geschichte automatisch einen anderen Schwerpunkt. Und das fand ich gut.

Dieses Mal war Freida McFadden mir ein paar Schritte voraus

Was ich Freida McFadden außerdem zugutehalten muss: Ich bin nicht darauf gekommen, wer der Täter ist.

Und das ist bei mir mittlerweile durchaus erwähnenswert.

Ich hatte tatsächlich jemand anderen im Visier.

Das war ein schönes Gefühl.

Denn genau das hatte ich bei ihren anderen Büchern teilweise vermisst. Wenn man mehrere Geschichten einer Autorin gelesen hat und irgendwann bestimmte Mechanismen erkennt, wird es natürlich schwieriger, sich wirklich überraschen zu lassen.

Hier hat sie mich erwischt.

Nicht mit einem völlig absurden „Was zur Hölle ist denn jetzt passiert?!“-Moment, bei dem ich sprachlos vor dem Buch sitze. Aber immerhin so, dass ich am Ende dachte: Okay. Den hatte ich nicht auf dem Zettel.

Und das muss man ihr lassen.

Ganz ohne Kritik komme ich natürlich trotzdem nicht davon

Denn natürlich ist auch „Die verschlossene Tür“ kein Buch, bei dem ich plötzlich alle meine bisherigen Kritikpunkte an Freida McFadden über Bord werfe.

Der Bizeps ist da. Der schöne Mann ist da. Und manche Dinge hätte ich einfach nicht gebraucht.

Aber insgesamt hatte ich diesmal deutlich weniger das Gefühl, dass Figuren nur dafür existieren, bestimmte Funktionen in der Geschichte zu erfüllen.

Auch Nora war für mich nicht ganz so naiv wie manche andere Protagonistinnen. Natürlich hätte auch sie an manchen Stellen früher reagieren können. Ich saß nicht die ganze Zeit daneben und dachte: „Mensch Nora, jetzt mach doch endlich mal!“

Aber ich konnte verstehen, warum sie vorsichtig ist. Warum sie nicht auffallen möchte. Warum sie sich möglichst aus allem heraushalten will.

Und diese Erklärung hat für mich funktioniert.

Sie lebt schließlich mit der ständigen Angst, dass jemand herausfinden könnte, wer ihr Vater war. Für sie bedeutet Auffallen nicht einfach nur unangenehm sein. Es bedeutet, dass ihre gesamte Vergangenheit wieder ans Licht kommen könnte.

Dadurch ergibt ihr Verhalten für mich wesentlich mehr Sinn.

Und genau das macht für mich einen Unterschied.

Noch ein Wort zum Hörbuch

Ich habe Die verschlossene Tür als Hörbuch gehört und möchte an dieser Stelle auch noch Yara Blümel erwähnen. Sie hat Nora für mich sehr schön zum Leben erweckt und das Hörbuch wirklich angenehm getragen. Mir hat ihre Art zu lesen ausgesprochen gut gefallen. Gerade bei einer Geschichte, die so stark von Noras Gedanken, ihrer Vergangenheit und ihren verschiedenen Gefühlen lebt, fand ich ihre Stimme sehr passend.

Mein Fazit zu Freida McFaddens "Die verschlossene Tür"

„Die verschlossene Tür“ ist für mich bisher das beste Buch von Freida McFadden.

Nicht das beste Buch, das ich je gelesen habe. Nicht einmal annähernd ein Kandidat für meine Top 5 oder Top 10 der besten Krimis.

Aber es war gut.

Es war spannend, teilweise gruselig, hatte überraschend gute und lustige Dialoge und vor allem eine Hauptfigur, deren Verhalten für mich nachvollziehbar war.

Fazit Constanzia Norström Die verschlossene Tür Freida McFadden

Und dann hat Freida McFadden es tatsächlich geschafft, mich mit dem Täter zu überraschen.

Das muss man ihr lassen.

Ich hatte Spaß beim Lesen und hatte am Ende nicht das Gefühl, meine Lebenszeit in ein Buch investiert zu haben, bei dem ich mich anschließend frage, warum ich das eigentlich gemacht habe.

Im Gegenteil.

„Die verschlossene Tür“ war für mich ein ziemlich cooles Buch.

Nicht der Oberbrüller.

Aber süffig im Abgang.

Und dafür gibt es von mir 4 von 5 Punkten.

Bibliografische Angaben

Autorin: Freida McFadden
Titel: Die verschlossene Tür
Verlag: Hachette UK - Bookouture
Erscheinungsdatum: 28. August 2026
Umfang: 7 Stunden 43 Minuten
Format: Hörbuch, ungekürzt
Übersetzung: Sybille Uplegger
Sprecherin: Yara Blümel
ISBN: 9781805507147

Weitere Informationen zum Buch gibt es auf der Website von Bookouture Deutschland.

Häufige Fragen zu „Die verschlossene Tür“ von Freida McFadden

Vintage-Buchszene mit alten Büchern, getrockneten Blumen und einem Pergament mit der Aufschrift „FAQ“.

Ist „Die verschlossene Tür“ das beste Buch von Freida McFadden?

Das lässt sich natürlich nicht objektiv beantworten. Für mich ist „Die verschlossene Tür“ bisher das beste Buch von Freida McFadden, das ich gelesen beziehungsweise gehört habe. Besonders gut gefallen haben mir die Hauptfigur Nora, die stärkere Charaktertiefe und dass mich die Auflösung dieses Mal tatsächlich überrascht hat.

Gibt es „Die verschlossene Tür“ als Hörbuch?

Ja. Das deutsche Hörbuch ist ungekürzt und wird von Yara Blümel gelesen. Es erschien ebenfalls am 28. August 2026 und hat eine Laufzeit von etwa 7 Stunden und 43 Minuten.

Gibt es „Die verschlossene Tür“ als Taschenbuch?

Ja. Die deutsche Ausgabe ist auch als Paperback erhältlich. Die ISBN des Taschenbuchs lautet 9781805507123.

Wer spricht das Hörbuch „Die verschlossene Tür“?

Das Hörbuch wird von Yara Blümel gelesen. Ich habe die Geschichte ebenfalls als Hörbuch gehört und fand ihre Lesung ausgesprochen schön. Für mich hat sie Nora sehr passend zum Leben erweckt und das Hörbuch angenehm getragen.

Worum geht es in „Die verschlossene Tür“ von Freida McFadden?

In Die verschlossene Tür geht es um Nora Davies, deren Vater ein Serienmörder war. Nora hat ihre Vergangenheit hinter sich gelassen und arbeitet inzwischen erfolgreich als Chirurgin. Niemand soll erfahren, wer ihr Vater ist. Als eine Patientin auf dieselbe Weise ermordet wird wie die Opfer ihres Vaters, gerät Nora selbst ins Visier.

Wann ist „Die verschlossene Tür“ auf Deutsch erschienen?

Die deutsche Ausgabe von Die verschlossene Tür ist am 28. August 2026 erschienen. Sie ist als E-Book, Hörbuch und Paperback erhältlich.

Wer spricht das Hörbuch „Die verschlossene Tür“?

Das Hörbuch wird von Yara Blümel gelesen. Ich habe die Geschichte ebenfalls als Hörbuch gehört und fand ihre Lesung ausgesprochen schön. Für mich hat sie Nora sehr passend zum Leben erweckt und das Hörbuch angenehm getragen.

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Die Ehefrau von Freida McFadden – Rezension und Kritik

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Geschrieben von Constanzia Norström

Leute, wir müssen mal wieder über Freida McFadden sprechen. Ich habe „Die Ehefrau“ gelesen und einiges dazu zu sagen.

Lesezeit: 5 Minuten
Geschrieben am: 11.09.2026 | Aktualisiert am 14.09.2026

Die Ehefrau von Freida McFadden – Rezension mit Treppe, Tagebuch und Schneeflockenanhänger

Inhaltsverzeichnis

Worum geht’s in „Die Ehefrau“ von Freida McFadden?

Verschneites, abgelegenes Herrenhaus im Winter, umgeben von hohen Bäumen und verschneiten Sträuchern. Die Szene wirkt düster und unheimlich.

Victoria Barnett hatte einen schweren Unfall. Seitdem kann sie weder sprechen noch gehen und liegt im obersten Stockwerk ihres Hauses irgendwo am Ende der Welt. Ihr Ehemann Adam kümmert sich rührend um sie und stellt die junge Sylvia als neue Pflegekraft ein. 

Sylvia zieht also in das Haus der Familie ein und übernimmt die Pflege von Victoria. Im Verlauf bekommt Sylvia von Victoria ein Tagebuch und liest es, wodurch die Beziehung zu Adam in ein anderes Licht gerät. 

Die Dinge nehmen ihren Lauf und als Leser denkt man dabei schon ziemlich bald: Okay, es ist doch total offensichtlich, wie die Dinge hier zusammenhängen. Über unglaublich viele Seiten denkt man sich das – und die einzige Person, die sich das offenbar nicht denkt, ist die Protagonistin. Man bekommt die Hinweise praktisch vor die Füße gelegt und wartet irgendwann nur noch darauf, dass Sylvia sie ebenfalls bemerkt. 

„Die Ehefrau“ hat dabei sehr kurze Kapitel und liest sich schnell und flüssig. Und am Ende wartet natürlich wieder ein Plottwist. 

Ob der mich überzeugt hat, ist allerdings eine andere Frage. 

Weitere Bücher von Freida McFadden, die ich bereits gelesen habe

„Die Ehefrau“ ist nicht das erste Buch von Freida McFadden, das ich gelesen habe. Im Gegenteil: Ich habe inzwischen einige ihrer Bücher gelesen und dadurch einen etwas anderen Blick auf ihre Geschichten bekommen. 

Dazu gehören unter anderem die drei Romane der Housemaid-Reihe – Wenn sie wüsste, Sie kann dich hören und Sie wird dich finden –, außerdem Die Kollegin, Der Lehrer und Der Häftling. 

Gerade bei der Housemaid-Reihe lohnt es sich, die Bücher in der entsprechenden Reihenfolge zu lesen. Zwischen Band zwei und drei gibt es außerdem noch die Kurzgeschichte Weil sie dich kennt, die ich allerdings nicht gelesen habe. 

Was ich von den einzelnen Büchern halte und welche Muster mir dabei aufgefallen sind, habe ich bereits in einem anderen Artikel ausführlicher aufgeschrieben: hier lesen

Denn offenbar habe ich mittlerweile genug Bücher von ihr gelesen, um bestimmte Dinge nicht mehr einfach als einzelne Zufälle wahrzunehmen. Ich erkenne inzwischen Muster. Und genau darüber möchte ich bei „Die Ehefrau“ noch ein bisschen genauer sprechen. 

Wie mir „Die Ehefrau“ von Freida McFadden gefallen hat

McFadden und die Männer

Fangen wir mit etwas an, das mich beim Lesen zunehmend irritiert hat: das Wort „attraktiv“. 

Es kommt inflationär vor. Und damit meine ich nicht nur, dass Männer in diesem Buch häufig als attraktiv beschrieben werden. Es geht um die Art und Weise, wie Männer und Frauen überhaupt dargestellt werden. 

McFadden und die Männer – das ist so ein Thema für sich. 

Frauen werden immer wieder als wilde, triebgesteuerte Wesen dargestellt, die auf die dicken Bizepse der Männer reagieren. Und in den Welten von Freida McFadden haben offenbar alle Männer einen dicken Bizeps. Genauso wie wildes, unbändiges, dunkles Haar. Irgendwann wirkt das auf mich einfach nur noch konstruiert. 

Mir fehlt dabei die Tiefe. Dass eine Protagonistin etwas Besonderes in EINEM bestimmten Mann sieht. Etwas, das ihn von allen anderen Männern unterscheidet. Eine Eigenheit, eine Art, eine Ausstrahlung, meinetwegen auch etwas völlig Banales, das für sie plötzlich Bedeutung bekommt. 

Stattdessen sind Männer bei McFadden auffällig häufig einfach: attraktiv. Muskeln. Dunkles Haar. Fertig. 

Das spricht mich überhaupt nicht an. Im Gegenteil. Auf mich wirkt es oberflächlich und vor allem sehr konstruiert. 

Beige gestaltete Textgrafik mit getrockneten Blättern und der Überschrift „Meine Gedanken zu Freida McFadden“. Darunter steht: „Ich mag schnelle Thriller und Plot Twists. Aber wenn Figuren und ihre Motive dabei zu flach bleiben, holt mich das nicht ab.“

Und genau hier liegt für mich auch ein grundsätzliches Problem, das sich durch mehrere ihrer Bücher zieht. Wenn ich einen Thriller oder einen Krimi lese, dann möchte ich nicht nur wissen, was passiert. Ich möchte mich auch dafür interessieren, wem es passiert. 

Ich möchte wissen, was eine Figur bewegt. Was sie mag. Was sie nicht mag. Wo ihre moralischen Grenzen liegen. Was sie bereit ist zu tun und was nicht. Ich möchte verstehen, warum sie sich zu einem bestimmten Menschen hingezogen fühlt und nicht einfach nur wissen, dass dieser Mensch einen dicken Bizeps und dunkle Haare hat. Bei McFadden habe ich dagegen häufig das Gefühl, dass alles, was eine Figur komplex machen könnte, knallhart herausgenommen wird. Übrig bleiben körperliche Merkmale, sexuelle Anziehung und Beziehungen. 

Und auch moralisch ist mir das oft zu flach. 

Es geht immer wieder ums Fremdgehen. Verheiratete Menschen landen miteinander im Bett. Menschen überschreiten Grenzen – und irgendwann scheint das alles nicht mehr besonders wichtig zu sein, weil der andere eben so attraktiv ist. Natürlich dürfen Figuren fremdgehen. Natürlich dürfen Sex und Beziehungen Bestandteil eines Thrillers sein. Aber wenn das immer wieder so einen großen Stellenwert bekommt, fehlt mir irgendwann der Rest. Wo ist die Moral? Wo ist das schlechte Gewissen? Wo ist die Loyalität? Wo ist der innere Konflikt? Wenn Moral überhaupt auftaucht, ist sie häufig kurz da und dann haben wir das abgehakt und machen weiter. Mir ist das zu flach. 

Ich wünsche mir komplexere Bücher. Ganz ehrlich. Gerade bei einem Thriller möchte ich Figuren, die widersprüchlich sind. Menschen, die etwas wollen und gleichzeitig wissen, dass sie es vielleicht nicht haben sollten. Menschen mit Ängsten, Vorlieben, Macken, Moralvorstellungen und schlechten Entscheidungen.

Der Schneeflockenanhänger

Silberner Schneeflockenanhänger auf alten beschriebenen Papieren, umgeben von getrockneten Blumen, einer dunklen Rose und alten Büchern.

Offenbar habe ich mittlerweile einfach zu viele Bücher von Freida McFadden gelesen. Denn mir fällt inzwischen schon auf, wenn sich bestimmte Elemente in ihren Büchern wiederholen.  Zum Beispiel der Schneeflockenanhänger. Der ist mir aufgefallen, weil ich Der Häftling gelesen habe und der Anhänger dort eine Rolle gespielt hat. Und jetzt lese ich Die Ehefrau und plötzlich ist da wieder diese Schneeflocke. Ich dachte wirklich: Okay. Da ist sie wieder. Warum? 

Ich hätte es nämlich ziemlich cool gefunden, wenn daraus tatsächlich eine kleine Verbindung zwischen ihren Büchern entstanden wäre. Nicht einmal unbedingt etwas Großes. Vielleicht hätte irgendwo eine Figur aus einem anderen Buch auftauchen können. Vielleicht hätte es irgendeinen kleinen Hinweis gegeben, den nur jemand versteht, der Der Häftling gelesen hat. So etwas würde ich feiern. 

Stellt euch vor, ich lese Die Ehefrau, sehe diesen Schneeflockenanhänger und plötzlich passiert irgendetwas, das mich an eine Figur oder eine Geschichte aus Der Häftling erinnert. Dann hätte ich als Leserin dieses kleine: „Ha! Ich weiß, was das bedeutet. Ich kenne das schon.“ 

Das wäre für mich ein echtes Easter Egg. So ein kleiner Moment, bei dem man das Gefühl bekommt, man steckt mit der Autorin ein bisschen unter einer Decke, weil man ihre Bücher gelesen hat und deshalb Dinge erkennt, die jemand anderes vielleicht gar nicht bemerkt. Aber genau das passiert hier für mich nicht. Es ist einfach wieder dieser Schneeflockenanhänger und ich sitze da und denke: Okay. Da ist er wieder. Aber was soll ich jetzt damit anfangen? 

Natürlich hätte ich anfangen können, im Internet zu recherchieren, ob die Schneeflocke in noch anderen Büchern vorkommt und ob Freida McFadden damit irgendeine übergeordnete Geschichte verbindet. Aber ehrlich gesagt möchte ich das gar nicht müssen. Ich hätte mich gefreut, wenn mir das Buch selbst diesen kleinen Moment gegeben hätte. Wenn ich ohne Recherche gemerkt hätte: Ah, deshalb ist die Schneeflocke wieder da. 

Vielleicht gibt es diesen Zusammenhang irgendwo. Vielleicht kenne ich einfach die entsprechenden Bücher noch nicht. Das kann natürlich sein. Aber so hatte ich eher das Gefühl, dass da etwas im Raum steht, das ich überhaupt nicht einordnen kann. 

Und genau das finde ich schade. Denn so ein kleines Detail hätte für mich tatsächlich eine Möglichkeit sein können, einem Buch mehr Tiefe zu geben. Nicht, weil die Schneeflocke an sich so wahnsinnig wichtig ist, sondern weil sie eine Verbindung schaffen könnte. Zu einer anderen Geschichte, zu einer anderen Figur und letztlich auch zu mir als Leserin. So bleibt bei mir vor allem die Frage: Warum ist es wieder die Schneeflocke?

Das Ende von „Die Ehefrau“ – Spoiler

Dunkle Holztreppe in einem alten Haus mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Stufen. Ein Pergament weist mit der Aufschrift „Achtung: Spoiler!“ auf den Spoilerbereich hin.

In „Die Ehefrau“ erfährt Sylvia irgendwann gegen Ende des Buches, dass Victoria psychisch krank ist. Ihre Medikamente, ihr Verhalten – alles wird damit erklärt. 

Was mich daran stört: Außer ich habe an dieser Stelle tatsächlich etwas überlesen, gibt es vorher kaum Kontext dazu, was bei diesem Unfall eigentlich passiert ist. Victoria ist die Treppe hinuntergefallen. Das war’s im Grunde. Sie kann danach kaum mehr sprechen und gehen und sitzt nun oben in diesem Haus. 

Und irgendwie wird das einfach so hingenommen. 

Dabei ist das Setting doch geradezu dafür gemacht, dass man als Leser misstrauisch wird. 

Sylvia zieht aus der Stadt weg und landet irgendwo in der Pampa, in einem Haus, das sie selbst von Anfang an als gruselig und unheimlich empfindet. Im Winter gibt es Stromausfälle und alles wirkt so, als wäre man dort ziemlich von der Außenwelt abgeschnitten. 

Und dann ist da eine Frau, die unter ziemlich mysteriösen Umständen die Treppe hinuntergefallen ist und seitdem stark eingeschränkt ist. 

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich würde an dieser Stelle vielleicht ein bisschen genauer nachfragen. 

Was ist da passiert? Wie ist sie gefallen? War jemand dabei? Was genau ist damals passiert? 

Und vor allem: Wenn ich schon das Gefühl habe, dass ein Haus gruselig ist, ich mich dort unwohl fühle und weiß, dass ich im Winter im Zweifel bei einem Stromausfall ziemlich abgeschnitten sein könnte, dann würde ich vielleicht auch gerne wissen, ob der Mann, mit dem ich dort zusammenwohne, möglicherweise eine Gefahr sein könnte. 

Das ist doch eigentlich ein ziemlich menschlicher Instinkt: Wenn sich eine Situation komisch anfühlt, schaut man genauer hin. Man versucht herauszufinden, ob man gerade sicher ist. 

Aber nicht bei Freida McFadden. 

Da könnten im Hintergrund lautstark die schiefen Geigen aus jedem schlechten Horrorfilm spielen, die einem zurufen: Hallo! Hier ist etwas ganz gewaltig in Schieflage! 

Beige Textgrafik mit einem getrockneten Blatt und der Überschrift „Für wen ist dieses Buch?“. Darunter steht, dass sich das Buch für Leserinnen und Leser eignet, die schnelle Thriller, kurze Kapitel und viele Wendungen mögen und nicht zu viel hinterfragen möchten.

Sylvia würde wahrscheinlich trotzdem noch freundlich lächeln und den tollen Bizeps anhimmeln. Denn das ist tatsächlich das einzig Konstante: Adam ist schön. Von Anfang an. Adam ist schön. Dann passiert irgendetwas. Adam ist schön. Dann passiert wieder irgendetwas. Adam ist immer noch so wunderschön. Und wenn man irgendwann nicht mehr weiß, was man von der Situation halten soll, kann man sich zumindest darauf verlassen: Adam ist schön. Das wissen wir. 
Genau diese Reduktion ist für mich ein Teil des Problems. Denn anstatt Sylvia misstrauisch werden zu lassen, ihr einen gesunden Selbsterhaltungstrieb zu geben oder sie einfach mal genauer nachfragen zu lassen, wird sie immer wieder über die Attraktivität dieses Mannes definiert. Und dadurch wird aus einer eigentlich ziemlich spannenden Ausgangslage für mich irgendwann eine sehr konstruierte, flache Geschichte. 

Dazu kommt dann die eigentliche Auflösung: Sylvia erfährt, dass Victoria psychisch krank ist und ihre Medikamente absetzen möchte beziehungsweise versucht, Sylvia zu bestimmten Handlungen zu bewegen. 

Und wieder stellt sich mir die Frage: Warum wurde Sylvia darüber nicht informiert? Sie wurde schließlich eingestellt, um diese Frau zu pflegen. Man hätte ihr doch zumindest sagen können:

„Achtung, Victoria könnte versuchen, Sie dazu zu bringen, ihre Medikamente abzusetzen. Und sie könnte Ihnen möglicherweise sogar eine Waffe geben wollen. Gehen Sie darauf bitte nicht ein, vielen Dank.“ 

Das wäre eine ziemlich relevante Information für jemanden, der anschließend mit dieser Frau in einem abgelegenen Haus lebt. Aber nein. Diese Information bekommt sie nicht. Und damit funktioniert natürlich ein ziemlich großer Teil dessen, was später passiert, überhaupt erst als Überraschung. 

Logisch? Für mich nicht. 

Deshalb ganz klar: konstruiert. Und leider auch ziemlich offensichtlich konstruiert. Und damit für mich leider nicht überzeugend. 

Alte, beschriebene Papiere, ein dunkles Buch und eine vertrocknete Rose. Auf einem Pergament steht „Plot Twist“, umgeben von zwei gezeichneten Pfeilen.

Typisch für Freida McFadden sind 180-Wendungen und auch die gibt es bei "Die Ehefrau". Ab da sind die Dinge plötzlich doch genau so, wie sie die ganze Zeit über offensichtlich zu sein schienen. Jedenfalls für mich. 

Und damit meine ich auch dieses Muster: Die Frau ist am Ende doch das Opfer und die Protagonistin ist diejenige, die kriminell handelt – und wird trotzdem als positiv besetzte Figur präsentiert. Kriminell und ein guter Mensch, zwei Elemente, die zu vereinen für Freida McFadden offenbar sehr wichtig sind. Das war bei „Die Ehefrau“ so und ist mir auch schon bei mehreren anderen Büchern von Freida McFadden begegnet. Zum Beispiel bei der sehr berühmten Millie-Reihe. Irgendwann ist eine Wendung eben keine Wendung mehr, wenn man schon damit rechnet, dass am Ende alles wieder umgedreht wird. 

Und genau da liegt für mich inzwischen ein Problem mit McFaddens Büchern: Ich lese nicht mehr nur die Geschichte. Ich erkenne zunehmend die Mechanik dahinter. Ich sehe die falschen Fährten. Ich erkenne bestimmte Figurenkonstellationen wieder. Ich merke, wann mir etwas besonders auffällig präsentiert wird, weil es vermutlich eben NICHT so sein soll, wie es aussieht. Das kann bei einem einzelnen Buch natürlich funktionieren. Wenn man aber mehrere Bücher einer Autorin liest und dabei immer wieder auf ähnliche Muster stößt, nimmt es für mich einen Teil der Spannung. Ich möchte nicht nur wissen, was als Nächstes passiert. Ich möchte auch das Gefühl haben, dass die Geschichte dahinter Substanz hat. Ich möchte beim Lesen etwas fühlen: Zuneigung, Abneigung, Spannung. Ich möchte mitfiebern. Ich möchte gute Dialoge lesen – oder lustige Dialoge. Ich möchte Substanz und echtes Futter für meinen Kopf. Und manchmal möchte ich einfach dasitzen und denken: „Wow. Was für eine Geschichte. Was für eine Fantasie. Darauf wäre ich nie gekommen.“ Nichts davon hat „Die Ehefrau“ für mein Dafürhalten geschafft.

Mein Fazit zu Freida McFaddens "Die Ehefrau" 

Meine Bewertung von „Die Ehefrau“ von Freida McFadden fällt deshalb ziemlich eindeutig aus: kein Highlight.

Zu konstruiert, zu oberflächlich und mit zu vielen Elementen, die mir inzwischen bekannt vorkommen. Vor allem die Figuren und ihre Motivationen konnten mich nicht überzeugen. Dazu kommen Wendungen, die für mich nicht wirklich überraschend waren, sondern eher wie ein inzwischen bekanntes McFadden-Muster wirkten. 

Ich weiß, dass Freida McFadden eine riesige Fangemeinde hat. Und ich verstehe auch, warum: Ihre Bücher sind schnell gelesen, leicht zugänglich und darauf ausgelegt, dass man immer noch ein Kapitel lesen möchte. 

Beige Textgrafik mit getrockneten Blättern und der Überschrift „Mein Fazit“. Der Text beschreibt das Buch als unterhaltsam, aber zu konstruiert und oberflächlich, und den Wunsch nach mehr Gefühl und Tiefe beim Lesen.

Aber für mich reicht das inzwischen nicht mehr. 

Ich wünsche mir komplexere Geschichten. Komplexere Figuren. Mehr Tiefe. Mehr Substanz. Und vielleicht auch einfach ein bisschen mehr Vertrauen darin, dass Leser mit einer Geschichte umgehen können, die nicht alles auf körperliche Anziehung, Sex und einen möglichst großen Twist am Ende reduziert. 

„Die Ehefrau“ bekommt von mir deshalb 2 von 10 Punkten. 

Bibliografische Angaben

Autorin: Freida McFadden
Titel: Die Ehefrau – Was hat sie zu verbergen?
Originaltitel: The Wife Upstairs
Verlag: Heyne
Erscheinungsdatum: 25. März 2026
Umfang: 416 Seiten
Übersetzung: Frank Dabrock
ISBN: 978-3-453-42810-2

Weitere Informationen zum Buch gibt’s auf der Website des Heyne Verlags.

Häufige Fragen zu Freida McFadden "Die Ehefrau"

Vintage-Buchszene mit alten Büchern, getrockneten Blumen und einem Pergament mit der Aufschrift „FAQ“.

Worum geht es in „Die Ehefrau“ von Freida McFadden?

In „Die Ehefrau“ von Freida McFadden geht es um Sylvia, die als Pflegekraft bei Victoria Barnett eingestellt wird. Victoria hatte einen schweren Unfall und kann seitdem weder sprechen noch gehen. Sie lebt mit ihrem Ehemann Adam in einem abgelegenen Haus, in dem Sylvia sich um sie kümmern soll.

Von Victoria bekommt Sylvia ein Tagebuch, durch das sie zunehmend an der Geschichte der Ehe zweifelt. Was ist bei dem Unfall wirklich passiert? Wem kann Sylvia trauen? Und welche Rolle spielt Adam dabei?

„Die Ehefrau“ ist ein schnell zu lesender Thriller mit sehr kurzen Kapiteln und mehreren Wendungen.

Wie endet „Die Ehefrau“ von Freida McFadden?

Achtung, Spoiler!

Natürlich gibt es auch in „Die Ehefrau“ wieder einen Plot-Twist. Die Geschichte dreht sich gegen Ende noch einmal und plötzlich sind die Dinge doch wieder anders, als sie zunächst erschienen sind.

Für mich ist dabei allerdings genau das Problem, dass dieses Muster inzwischen ziemlich bekannt ist: Die Frau ist am Ende doch das Opfer und die Protagonistin ist gleichzeitig diejenige, die kriminell handelt – wird aber trotzdem als positiv besetzte Figur dargestellt.

Für mich war diese Wendung deshalb keine wirkliche Überraschung mehr.

Wie gut ist „Die Ehefrau“ von Freida McFadden?

Das kommt meiner Meinung nach darauf an, was man von einem Buch erwartet.

Wer eher leichte Kost sucht, die sich schnell und unkompliziert lesen lässt, bei der man nicht alles groß hinterfragen muss und einfach die Geschichte auf sich zukommen lassen möchte, kann mit „Die Ehefrau“ wahrscheinlich Spaß haben.

Wer dagegen etwas Tiefsinnigeres, Kniffligeres und Figuren mit mehr Tiefe und komplexeren Motiven sucht, wird mit dem Buch meiner Meinung nach eher nicht glücklich.

Ich persönlich vergebe 2 von 10 Punkten.

Würde ich „Die Ehefrau“ von Freida McFadden empfehlen?

Ich persönlich würde „Die Ehefrau“ aktuell niemandem empfehlen. Es ist einfach nicht mein Buch.

Das heißt allerdings nicht, dass das Buch grundsätzlich schlecht ist. Freida McFadden ist sehr erfolgreich und hat offensichtlich eine große Leserschaft, die genau diese Art von Thriller mag. Wer schnelle Geschichten, kurze Kapitel und viele Wendungen liebt und keine besonders tiefgehende Figurenzeichnung erwartet, könnte mit „Die Ehefrau“ durchaus glücklich werden.

Gibt es „Die Ehefrau“ von Freida McFadden auch auf Deutsch?

Ja. „Die Ehefrau – Was hat sie zu verbergen?“ ist auf Deutsch als Buch, eBook und Hörbuch erhältlich. Die deutsche Ausgabe ist eine Übersetzung des englischen Originals The Wife Upstairs. Das Hörbuch ist ebenfalls auf Deutsch erschienen.

Ist „Die Ehefrau“ von Freida McFadden Teil einer Reihe?

Nein, soweit ich weiß, ist „Die Ehefrau“ ein eigenständiger Thriller und gehört nicht zu einer Buchreihe. Auch auf der offiziellen Bücherseite von Freida McFadden wird The Wife Upstairs, der englische Originaltitel, unter den Standalone Thrillers geführt.

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Rezension zu „Die Zeuginnen“ von Margarete Atwood

Rezension zu „Die Zeuginnen“ von Margarete Atwood

Rezension zu „Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood

Ich bin mit „Die Zeuginnen“ offiziell in die Welt von Margaret Atwood eingestiegen – vorgespoilert mit Serienwissen. Vieles kannte ich also bereits aus der Serie. Ob mir der Roman dennoch gefallen hat und was mir das Buch zusätzlich zur Serie gegeben hat, liest du hier.

Lesezeit: 4 Minuten

Aktualisiert am 21. August 2026

Minimalistische Rezension-Grafik zu Margaret Atwoods Roman Die Zeuginnen mit cremefarbenem Papier, getrockneten Blumen und warmen, natürlichen Farbtönen.

Inhaltsverzeichnis

Rezension zu „Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood

Einige Worte über die Autorin vorweg

Sprechen wir heute über „Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood. Einige Dinge aus Transparenzgründen vorweg: Ich bewundere Margaret Atwood schon seit Längerem. Ich wünschte, ich könnte Gründe anführen, die mich besonders intellektuell dastehen lassen, tatsächlich begann aber alles mit der Verfilmung von Alias Grace auf Netflix. Ich habe das Buch nicht gelesen, war und bin bis heute von dieser Geschichte aber völlig fasziniert und würde (Achtung Spoiler) doch so einiges dafür geben, wenn ich wüsste, wer letztendlich der oder die Täter waren.

Meine nächste Begegnung mit Margaret Atwood war später schon wieder eine Verfilmung und zwar eigentlich die Verfilmung schlechthin. Es geht natürlich um The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd. Ich hatte schon viel Positives darüber gehört und beschloss daher, es mir selbst anzusehen. Natürlich war ich hellauf begeistert. Irgendwo in dieser Zeit stellte ich dann fest, dass The Handmaid’s Tale und Alias Grace alle aus der Feder derselben Frau stammen.

Schon das hat mich beeindruckt, weil diese Geschichten beide besonders sind. Es geht um Frauen, um Leid, das Frauen angetan wird, um Leid, das Frauen anderen antun. Letzteres jedenfalls spielt bei The Handmaid’s Tale eine große Rolle. Für mich war ein feministischer Gedanke davon nicht mehr weit entfernt und schon da war ich neugierig, was für ein Mensch Margaret Atwood wohl ist.

Hier und da habe ich mich mit Bekannten über sie unterhalten, als mir ein Interview des Spiegels empfohlen wurde. Ich habe sie allesamt konsumiert und muss zugeben – viele Dinge habe ich nicht verstanden. Und genau das ist eines der Elemente, die mich an Margaret Atwood faszinieren. Es gibt erfolgreiche Persönlichkeiten, die ihr Geheimnis verraten, die überhaupt von ihrer Weltanschauung berichten, und schon öfter saß ich gespannt da und dachte, jeden Moment etwas fundamental Weltbewegendes zu erfahren. Am Ende saß ich dann trotzdem da und dachte: Was genau wollte sie mir jetzt eigentlich sagen?

Wobei ich sich das nicht auf die Hintergedanken zu den hier angesprochenen Büchern bezieht. Ich glaube nur, dass Margaret Atwood eine Art hat, über ihre Überzeugungen und ihre Weltanschauung zu sprechen, bei der ich manchmal abgehängt werde. Vielleicht ergibt sich hier auf meinem Blog noch ein guter Zeitpunkt, auch darüber zu sprechen.

Was ich aber an ihren Geschichten inzwischen besonders spannend finde, ist, dass sie gar nicht das Gefühl vermitteln, als hätte sie sich irgendeine möglichst spektakuläre Dystopie ausgedacht und dann ein paar gesellschaftliche Probleme hineingeschrieben. Sowohl The Handmaid’s Tale als auch Die Zeuginnen greifen auf Dinge zurück, die tatsächlich in irgendeiner Form bereits irgendwo auf der Welt passiert sind. Atwood bedient sich also nicht einfach irgendwelcher völlig aus der Luft gegriffener Szenarien. Vieles davon hat historische Parallelen.

Und genau das macht ihre Geschichten für mich noch einmal interessanter. Es geht weniger darum, dass sie eine bestimmte Zukunft vorhersagen möchte, sondern vielmehr um ihre Überzeugung, dass das, was sie beschreibt, eben nicht völlig undenkbar ist. Ihre Bücher erzählen keine Geschichte, die sich ausschließlich aus ihrer Fantasie speist, sondern setzen sich aus historischen Ereignissen, gesellschaftlichen Entwicklungen und ihrer eigenen Weltanschauung zusammen. Vielleicht ist genau das auch einer der Gründe, warum ihre Geschichten auf mich so unbeschönt und gleichzeitig so glaubwürdig wirken.

Darüber könnte ich wahrscheinlich noch sehr viel mehr schreiben, gerade weil ich inzwischen das Gefühl habe, dass ich einige ihrer Gedanken besser verstehe, als ich es nach diesen Interviews zunächst gedacht hätte. Aber das würde jetzt vermutlich etwas weit vom eigentlichen Buch wegführen. Vielleicht ist das ein Thema für einen anderen Zeitpunkt.

Genau so eine Person ist Margaret Atwood für mich. Wie gesagt: Ich wünschte, meine Beweggründe wären intellektueller, aber manchmal sind die Dinge doch so einfach. Margaret Atwood schaut so klug in alle Kameras, ihr Lächeln wirkt, als ob sie über den Dingen steht. Die Geschichten, die ich von ihr kenne, sind unbeschönt, zeigen das Hässliche, Abgründe, gehen hart ins Gericht, zeigen die schlechten, aber auch die guten Seiten von Menschen. Sie behandeln sensible Themen auf so schlaue, durchdachte Art und Weise und leisten damit einen Teil zu einer Diskussion, die, wenn es nach mir geht, meistens viel zu früh ins Emotionale abtreibt und ihren eigentlichen Mehrwert dadurch zu schnell verliert.

Das alles macht meine Faszination für diese Frau aus. Es war also höchste Zeit, dass ich mir ein Buch von ihr zu Gemüte führe. Und damit schließen wir die Lobgesänge und kommen zum eigentlichen Thema.

Die Zeuginnen von Margaret Atwood

Worum geht es in „Die Zeuginnen“? Das Buch erzählt, wie es für Junes beide Töchter in Gilead weitergegangen ist, und verwebt ihre Geschichten mit der Geschichte von Tante Lydia und den Widerstandsstrukturen von Mayday. Der Roman spielt etwa 15 Jahre nach den Ereignissen aus Der Report der Magd und erzählt die Geschichte aus drei unterschiedlichen Perspektiven.

Ich könnte hier nun viel über den Inhalt schwadronieren und eine ausführliche „Die Zeuginnen“-Zusammenfassung schreiben, aber eine Zusammenfassung wird es auf genügend Portalen zu lesen geben. Deshalb möchte ich lieber darauf eingehen, was mich besonders interessiert hat.

Die Unterschiede zur Serie

Schon mit dieser Unterüberschrift mache ich mich bestimmt bei einigen unbeliebt. Meistens erfreuen sich Verfilmungen bei den Personen, die die Buchvorlage bereits kennen, keiner besonders großen Beliebtheit. Ich habe aber ehrlicherweise auch keine Ahnung, wie die Serie bei hartgesottenen Fans angekommen ist.

Ich sehe gerne Verfilmungen und finde hinterher heraus, was die Buchvorlage anders gemacht hat. Und ich stelle mir die Schauspielerinnen und Schauspieler aus den Verfilmungen vor und stelle mir die Szenen aus dem Buch so vor. Mag nicht für jede*n etwas sein, aber mir macht es Spaß.

Natürlich habe ich Unterschiede entdeckt zwischen Buch und Serie, aber das ist für mich völlig in Ordnung. Ich muss sagen, dass mein Zwischenfazit für beide Medien positiv ausfällt. Meiner Meinung nach wurden die Nuancen gut getroffen: nah genug am Buch zu bleiben, dass es keinen groben Bruch gibt, und dennoch Anpassungen vorzunehmen, damit die Serie ihren eigenen Charakter hat.

Gerade weil ich zuerst die Serie kannte, war es für mich spannend zu sehen, welche Dinge im Buch anders funktionieren. Die Geschichte bekommt durch den Roman noch einmal andere Schwerpunkte und man versteht manche Zusammenhänge besser. Für mich ist genau das der Reiz einer Verfilmung: Ich möchte nicht unbedingt zweimal exakt dieselbe Geschichte bekommen, sondern sehen, was aus derselben Vorlage in einem anderen Medium entsteht.

Einblicke in die Vergangenheit und das Innenleben von Tante Lydia

Nun aber zurück zum Buch. „Die Zeuginnen“ gibt einen großen Einblick in die Vergangenheit von Tante Lydia, die ja schon bei The Handmaid’s Tale eine sehr ambivalente und widersprüchliche Figur gewesen ist. Daher war es umso interessanter, Informationen über ihre Hintergründe und Entscheidungen zu erfahren. Widersprüchlich bleibt sie für mich, allerdings finde ich es an vielen Stellen einfacher, sie nachvollziehen zu können.

Letztlich geht es innerhalb der Erzählung immer um Leben und Tod und Lydia hat ihre eigene Strategie entwickelt, mit beidem umzugehen und dabei so lange wie möglich die Kontrolle zu behalten. Sie versucht, sich innerhalb Gileads eine möglichst mächtige Position aufzubauen, und beginnt gleichzeitig, Informationen zu sammeln und Beweise gegen die Führung des Regimes zu sichern.

Die Figur ist dabei klug und intrigant. Vorausschauend und sehr begabt darin, um die Ecke zu denken. Gleichzeitig ist sie für mich keine Figur, die man gerne haben kann oder mit der ich persönlich mitfiebern konnte. Mein Gefühl war ein Für und Wider, ein einziger Grenzgang. Wenn man bedenkt, welch großen Anteil Lydia im Buch ausmacht, finde ich es positiv, sie derart ambivalent darzustellen. Es passt zur Komplexität der Erzählung und zu der Komplexität, die ich Margaret Atwood anders auch nicht zugesprochen hätte.

Die Strukturen von Mayday

Mehr über die Strukturen von Mayday zu erfahren, hat mir ebenfalls gut gefallen. Auf Grundlage der Serie konnte ich mir ehrlich gesagt gar nicht so recht vorstellen, wie Mayday eigentlich funktioniert, wie viele Menschen dazugehören und was noch alles dahintersteckt. Im Buch bekommt man da deutlich tiefere Einblicke. Es gibt verschiedene Kontaktpersonen, Informationen werden weitergegeben und es gibt Menschen innerhalb Gileads, die heimlich mit Mayday zusammenarbeiten. Gerade diese ganzen Verbindungen haben mir gefallen. Ich hatte teilweise fast professionelle Agenten-Vibes.

Besonders interessant fand ich dabei, welche Rolle Tante Lydia in diesem ganzen Geflecht spielt. Sie ist nicht einfach irgendwann auf die Seite des Widerstands gewechselt, sondern hat sich über Jahre innerhalb des Systems eine Position aufgebaut, in der sie Informationen sammeln und Beweise sichern konnte. Sie kennt die Führung Gileads, kennt deren Geheimnisse und weiß sehr genau, wo die Schwachstellen liegen. Gleichzeitig bleibt sie natürlich eine Frau, die dieses System mit aufgebaut und am Leben gehalten hat. Genau diese Widersprüchlichkeit macht sie für mich so interessant.

Auch die Geschichte von Nicole fand ich in diesem Zusammenhang spannend. Sie wächst in Kanada auf und weiß zunächst überhaupt nicht, welche Bedeutung sie für Gilead hat. Erst nach dem Tod ihrer Eltern erfährt sie, dass sie eigentlich aus Gilead stammt und als Baby von Mayday nach Kanada gebracht wurde. Von da an wird aus ihrer Geschichte immer mehr eine Art Undercover-Geschichte, in der sie unter falschem Namen nach Gilead geht und schließlich auf ihre Schwester Agnes trifft.

Dadurch bekommt Mayday für mich viel mehr Kontur als in der Serie. Es ist nicht mehr nur diese große, abstrakte Widerstandsbewegung, sondern ein richtiges Netzwerk mit eigenen Strategien und Leuten, die teilweise ziemlich genau wissen, was sie tun. 

Das Ende des Romans

Das Ende fand ich dagegen etwas abrupt. Eigentlich passiert dort noch ziemlich viel (Achtung Spoiler). Agnes und Nicole schaffen es nach Kanada, die Informationen von Tante Lydia gelangen an die Öffentlichkeit und Gilead gerät dadurch massiv unter Druck. Auch Tante Lydia beendet ihre Geschichte und nimmt sich das Leben, weil sie davon ausgeht, dass sie entweder von Gilead beseitigt oder nach dessen Fall für ihre Beteiligung am Regime zur Verantwortung gezogen werden wird. Danach gibt es noch die historischen Anmerkungen, die wieder viele Jahre in die Zukunft springen.

Trotzdem hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass wir gerade mitten im Höhepunkt der Handlung waren und es dann plötzlich auch schon vorbei war.

Vielleicht liegt das auch daran, dass der Roman vorher so viele Fäden aufbaut. Wir bekommen die drei verschiedenen Perspektiven, erfahren immer mehr über Gilead, über Mayday und über Tante Lydia und irgendwann laufen diese ganzen Geschichten zusammen. Ich hätte mir danach einfach noch mehr gewünscht.

Nicht unbedingt ein anderes Ende. Ich hätte einfach gerne noch mehr über die Figuren erfahren. Wie geht es für Agnes und Nicole weiter? Was passiert mit ihnen nach der Flucht? Wie entwickelt sich die Situation in Gilead tatsächlich? Und vielleicht hätte ich auch einfach gerne noch ein bisschen länger bei den Figuren verweilt.

Denn insgesamt ist der Roman ja sehr stark wie eine Aufzeichnung oder Dokumentation aufgebaut. Die drei Geschichten sind Zeugenaussagen, die später von der Wissenschaft eingeordnet werden. Das fand ich während des Lesens interessant und es passt auch gut zu dieser Welt. Am Ende war es aber vielleicht genau das, was mir ein bisschen gefehlt hat: mehr Nähe zu den Figuren und weniger das Gefühl, gerade einen historischen Bericht zu lesen.

Ich kann nicht genau sagen, was mir gefehlt hat. Aber ich hätte gerne noch mehr erfahren. Irgendwie war ich noch nicht ganz fertig mit der Geschichte, als das Buch schon fertig mit mir war.

Mein Fazit

Insgesamt kann ich „Die Zeuginnen“ auf jeden Fall empfehlen. Man macht meiner Meinung nach nicht viel falsch, wenn man das Buch liest. Für mich hat es jedenfalls den Grundstein dafür gelegt, dass ich mir noch mehr von Margaret Atwood zu Gemüte führen möchte.

Sie schreibt gut, klug und durchdacht und ich hatte beim Lesen eigentlich nie den Eindruck, dass die Geschehnisse einfallslos konstruiert sind. Gerade diese Mischung aus einer durchdachten Welt, ambivalenten Figuren und einer Geschichte, die mich trotz meiner Kenntnis der Serie immer wieder interessiert hat, hat mir gefallen.

Ich glaube, genau das ist auch der Grund, warum ich nach diesem Buch noch neugieriger auf Margaret Atwood bin. „Die Zeuginnen“ war für mich nicht nur die Fortsetzung einer Geschichte, die ich bereits aus der Serie kannte, sondern gleichzeitig mein erster richtiger Einstieg in Atwoods Bücher. Und der hat definitiv Lust auf mehr gemacht.

Klare Leseempfehlung von mir.

Bibliografische Angaben

Autorin: Margaret Atwood
Titel: Die Zeuginnen
Verlag: Berlin Verlag
Erscheinungsdatum: 10. September 2019
Umfang: 576 Seiten
Format: Hardcover
Übersetzung: Monika Baark
ISBN: 978-3-8270-1404-7

Weitere Informationen zum Buch finden Sie auf der Website des Verlags.

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Rezension „Altern“ von Elke Heidenreich

Rezension „Altern“ von Elke Heidenreich

Rezension „Altern“ von Elke Heidenreich

Geschrieben von Constanzia Norström

"Altern" von Elke Heidenreich war für mich eine Begegnung mit einer Autorin, die ich bis vor Kurzem nicht einmal kannte. Und ein Buch, bei dem ich mich dabei ertappt habe, ständig mit ihr zu diskutieren. Nicht immer einer Meinung, aber bestens unterhalten und dankbar über vielfältige Impulse.

Lesezeit: 3 Minuten
Geschrieben am: 19.06.2026 | Aktualisiert am 18.09.2026

Buchrezension zu Elke Heidenreichs ‚Altern‘ auf strukturiertem Papier mit getrockneten Blumen

Inhaltsverzeichnis

Elke Heidenreich und ich hatten eine Premiere zu feiern Halte mich ruhig für ungebildet, aber ich hatte bis dahin tatsächlich noch nie von dieser Frau gehört.

Einmal mehr stelle ich fest, wie gut es ist, Rezensionen zu lesen. Man stößt dabei immer wieder auf interessante Bücher. Und manchmal eben auch auf Menschen, von denen man vorher noch nie gehört hat.

Mit „Altern“ hat Elke Heidenreich ein sehr persönliches Buch geschrieben. Und für mich war es ein interessantes Kennenlernen.

Ich bewundere ihr großes literarisches Wissen. Und ich bewundere vor allem, wie sie scheinbar ganz leicht und ganz unangestrengt eine These mit zehn verschiedenen Autoren stützt und das Ganze aus der Hüfte noch um einige Zitate bereichert.

Ihre Art hat mich an meine Zeit an der Universität erinnert. Dort ist es etwas Alltägliches, in Arbeiten Thesen mit Zitaten und Erkenntnissen anderer Wissenschaftler zu stützen.

Die schönste Umsetzung dieser Methode habe ich bei Elke Heidenreich erlebt. Ein Graus war es mir zu Studienzeiten, eine Bereicherung in ihrem Buch.

Weiterhin finde ich es herrlich erfrischend, wie entschieden sie ausschließt, eine brave, stille Oma zu sein, die niemandem zur Last fällt. Wie sie sich geradezu dafür feiert, konfrontativ und unbequem zu sein.

Ich muss zugeben, ich habe mich dabei ertappt, wie ich mir gewünscht habe, jede Frau würde sich davon eine große Scheibe abschneiden.

Es täte uns gut.

Das Spannende ist doch eigentlich, wie irgendwoher dieser Gedanke kommt, dass die Gesellschaft an irgendeinem Punkt vorgibt, wie man zu sein hat. Welche Rolle einem zugeordnet wird. Und wie man sich, sobald man sich dem nicht beugt, plötzlich fühlt, als würde man einen kleinen revolutionären Akt begehen.

Die Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder gestellt habe, war, wie oft man sich als Leser dabei ertappt, mit Elke Heidenreich zu diskutieren.

Das ist etwas, was ich an dem Buch sehr mochte.

Ich musste nicht alles unterschreiben, um es gern zu lesen.

Da wären beispielsweise ihre Gedanken zu Allergien. Heutzutage sei ja gefühlt jeder gegen irgendetwas allergisch.

Ich musste schmunzeln, denn ich habe schon oft erlebt, dass die ältere Generation den Eindruck hat, die Jungen seien einfach nur krank.

Aus meiner Sicht waren wir vermutlich schon immer mehr oder weniger gleich krank. Wir kennen heute nur mehr Muster, mehr Diagnosen und vielleicht auch mehr Möglichkeiten, Beschwerden zu lindern oder wenigstens zu verstehen.

Und was ist daran verkehrt?

Ist doch gut.

Auch über Einsamkeit und den ständigen Handygebrauch schreibt sie. Früher habe man seine Zeit draußen verbracht, miteinander gesprochen, da sei niemand einsam gewesen.

Kann sein.

Handys haben ihre Nachteile, das sehe ich ein. Ich frage mich nur manchmal, ob die Menschen früher tatsächlich weniger einsam waren oder ob man Einsamkeit einfach anders erlebt hat. Und vielleicht auch weniger darüber gesprochen hat.

Ich weiß es nicht.

„Früher war alles besser“?

Besonders sympathisch fand ich wiederum, wie strikt Heidenreich dieses „Früher war alles besser“ ablehnt.

Gut so.

An anderer Stelle schreibt sie sinngemäß, dass heute niemanden mehr interessiert, was früher war. Und das wiederum fand ich erstaunlich modern.

Ich glaube nämlich auch, dass die Gegenwart mit einem „Aber früher …“ nicht besonders viel anfangen kann. Die Dinge sind nun einmal, wie sie sind, und man muss auf das Hier und Jetzt reagieren.

Da helfen Rückblicke manchmal herzlich wenig.

Heidenreich ist außerdem der Meinung, dass alte Menschen heute für alles Mögliche verantwortlich gemacht werden.

Das sehe ich gar nicht so.

Ich finde, da geht die Welt seit jeher ziemlich unverändert miteinander um. Die Alten schimpfen über die Jungen, die Jungen über die Alten und alle zusammen schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Scheint zutiefst menschlich zu sein.

Verstanden habe ich das noch nie.

Über Straßenkleber, Madonna, Generationen und Respekt

Gestolpert bin ich auch über ihre Bemerkungen zu den Straßenklebern. Noch mehr aber über ihre Ausführungen zu Madonna.

An einer Stelle vergleicht sie sie mit Halloween.

Schade.

Das hat mich tatsächlich etwas geärgert. Gerade weil Heidenreich an so vielen Stellen so modern denkt, habe ich mich gefragt, warum sie sich diese Bemerkung nicht einfach verkneifen konnte.

Man muss eine andere Frau nicht schön finden, dazu zwingt einen niemand.

Aber muss man das gleich in einem Buch verewigen?

Finde ich nicht besonders respektvoll.

Prominenz hin oder her.

Und ich fand es bemerkenswert, dass eine Frau, die sich selbst so entschieden dagegen wehrt, wie andere über ältere Frauen zu urteilen haben, an dieser Stelle selbst recht streng mit einer anderen Frau umgeht.

Und schließlich diese Formulierungen wie „was unsere Generation geschafft hat“.

Ich kann mit so etwas wenig anfangen.

Hat sie etwas geschafft? War sie selbst dabei? Hat sie Demoschilder gehalten oder ist manches einfach in ihre Zeit gefallen?

Es gab und gibt doch immer Menschen, die sich für das große Ganze einsetzen, und andere, denen das piepegal ist. Und alles dazwischen.

Ist gut. Ist doch okay.

Ich finde es spannend, wenn jemand von seinem persönlichen Anteil spricht oder von einer großen Bewegung. Aber dieses „unsere“ klingt für mich immer ein bisschen wie alte Klassen- und Schulzeiten.

Als würde man sich Jahrzehnte später treffen und sagen:

„Weißt du noch?“

Auf eine ganze Generation trifft das aus meiner Sicht nicht so ganz zu.

Würde ich „Altern“ von Elke Heidenreich empfehlen?

Ja, auf jeden Fall.

Wenn du ein paar neue Perspektiven suchst oder generell mit dem Altern haderst, dann nur zu. Hier bist du bestens beraten.

Elke Heidenreichs „Altern“ ist eine Begegnung, eine Diskussion, ein Dialog.

Auch wenn sie meine Erwiderungen vermutlich nie hören wird. Und deine wahrscheinlich auch nicht.

Aber sei’s drum.

Lies das Buch.

Ich kann es dir empfehlen.

Bibliografische Angaben

Autorin: Elke Heidenreich
Titel: Altern 
Verlag: Hanser Berlin
Erscheinungsdatum: 13. Mai 2024
Umfang: 112 Seiten
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-446-27964-3

Weitere Informationen zum Buch gibts auf der Website des Hanser Verlags.

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