Der Herbst ist normalerweise die heilsamste, gnädigste Jahreszeit. Alle Wehwechen aus dem Sommer finden ihren Platz, und alles, was aufgescheuert und aufgedunsen aus der Hitze zurückbleibt, klingt ab, heilt ab, findet Frieden. Aber nicht im letzten Herbst, als das Herz Hochwasser hatte. Ein Rückblick.
Rezension zu „Die Zeuginnen“ von Margarete Atwood
Rezension zu „Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood
Ich bin mit „Die Zeuginnen“ offiziell in die Welt von Margaret Atwood eingestiegen – vorgespoilert mit Serienwissen. Vieles kannte ich also bereits aus der Serie. Ob mir der Roman dennoch gefallen hat und was mir das Buch zusätzlich zur Serie gegeben hat, liest du hier.
Lesezeit: 4 Minuten

Inhaltsverzeichnis
Rezension zu „Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood
Einige Worte über die Autorin vorweg
Sprechen wir heute über „Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood. Einige Dinge aus Transparenzgründen vorweg: Ich bewundere Margaret Atwood schon seit Längerem. Ich wünschte, ich könnte Gründe anführen, die mich besonders intellektuell dastehen lassen, tatsächlich begann aber alles mit der Verfilmung von Alias Grace auf Netflix. Ich habe das Buch nicht gelesen, war und bin bis heute von dieser Geschichte aber völlig fasziniert und würde (Achtung Spoiler) doch so einiges dafür geben, wenn ich wüsste, wer letztendlich der oder die Täter waren.
Meine nächste Begegnung mit Margaret Atwood war später schon wieder eine Verfilmung und zwar eigentlich die Verfilmung schlechthin. Es geht natürlich um The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd. Ich hatte schon viel Positives darüber gehört und beschloss daher, es mir selbst anzusehen. Natürlich war ich hellauf begeistert. Irgendwo in dieser Zeit stellte ich dann fest, dass The Handmaid’s Tale und Alias Grace alle aus der Feder derselben Frau stammen.
Schon das hat mich beeindruckt, weil diese Geschichten beide besonders sind. Es geht um Frauen, um Leid, das Frauen angetan wird, um Leid, das Frauen anderen antun. Letzteres jedenfalls spielt bei The Handmaid’s Tale eine große Rolle. Für mich war ein feministischer Gedanke davon nicht mehr weit entfernt und schon da war ich neugierig, was für ein Mensch Margaret Atwood wohl ist.
Hier und da habe ich mich mit Bekannten über sie unterhalten, als mir ein Interview des Spiegels empfohlen wurde. Ich habe sie allesamt konsumiert und muss zugeben – viele Dinge habe ich nicht verstanden. Und genau das ist eines der Elemente, die mich an Margaret Atwood faszinieren. Es gibt erfolgreiche Persönlichkeiten, die ihr Geheimnis verraten, die überhaupt von ihrer Weltanschauung berichten, und schon öfter saß ich gespannt da und dachte, jeden Moment etwas fundamental Weltbewegendes zu erfahren. Am Ende saß ich dann trotzdem da und dachte: Was genau wollte sie mir jetzt eigentlich sagen?
Wobei ich sich das nicht auf die Hintergedanken zu den hier angesprochenen Büchern bezieht. Ich glaube nur, dass Margaret Atwood eine Art hat, über ihre Überzeugungen und ihre Weltanschauung zu sprechen, bei der ich manchmal abgehängt werde. Vielleicht ergibt sich hier auf meinem Blog noch ein guter Zeitpunkt, auch darüber zu sprechen.
Was ich aber an ihren Geschichten inzwischen besonders spannend finde, ist, dass sie gar nicht das Gefühl vermitteln, als hätte sie sich irgendeine möglichst spektakuläre Dystopie ausgedacht und dann ein paar gesellschaftliche Probleme hineingeschrieben. Sowohl The Handmaid’s Tale als auch Die Zeuginnen greifen auf Dinge zurück, die tatsächlich in irgendeiner Form bereits irgendwo auf der Welt passiert sind. Atwood bedient sich also nicht einfach irgendwelcher völlig aus der Luft gegriffener Szenarien. Vieles davon hat historische Parallelen.
Und genau das macht ihre Geschichten für mich noch einmal interessanter. Es geht weniger darum, dass sie eine bestimmte Zukunft vorhersagen möchte, sondern vielmehr um ihre Überzeugung, dass das, was sie beschreibt, eben nicht völlig undenkbar ist. Ihre Bücher erzählen keine Geschichte, die sich ausschließlich aus ihrer Fantasie speist, sondern setzen sich aus historischen Ereignissen, gesellschaftlichen Entwicklungen und ihrer eigenen Weltanschauung zusammen. Vielleicht ist genau das auch einer der Gründe, warum ihre Geschichten auf mich so unbeschönt und gleichzeitig so glaubwürdig wirken.
Darüber könnte ich wahrscheinlich noch sehr viel mehr schreiben, gerade weil ich inzwischen das Gefühl habe, dass ich einige ihrer Gedanken besser verstehe, als ich es nach diesen Interviews zunächst gedacht hätte. Aber das würde jetzt vermutlich etwas weit vom eigentlichen Buch wegführen. Vielleicht ist das ein Thema für einen anderen Zeitpunkt.
Genau so eine Person ist Margaret Atwood für mich. Wie gesagt: Ich wünschte, meine Beweggründe wären intellektueller, aber manchmal sind die Dinge doch so einfach. Margaret Atwood schaut so klug in alle Kameras, ihr Lächeln wirkt, als ob sie über den Dingen steht. Die Geschichten, die ich von ihr kenne, sind unbeschönt, zeigen das Hässliche, Abgründe, gehen hart ins Gericht, zeigen die schlechten, aber auch die guten Seiten von Menschen. Sie behandeln sensible Themen auf so schlaue, durchdachte Art und Weise und leisten damit einen Teil zu einer Diskussion, die, wenn es nach mir geht, meistens viel zu früh ins Emotionale abtreibt und ihren eigentlichen Mehrwert dadurch zu schnell verliert.
Das alles macht meine Faszination für diese Frau aus. Es war also höchste Zeit, dass ich mir ein Buch von ihr zu Gemüte führe. Und damit schließen wir die Lobgesänge und kommen zum eigentlichen Thema.
Die Zeuginnen von Margaret Atwood
Worum geht es in „Die Zeuginnen“? Das Buch erzählt, wie es für Junes beide Töchter in Gilead weitergegangen ist, und verwebt ihre Geschichten mit der Geschichte von Tante Lydia und den Widerstandsstrukturen von Mayday. Der Roman spielt etwa 15 Jahre nach den Ereignissen aus Der Report der Magd und erzählt die Geschichte aus drei unterschiedlichen Perspektiven.
Ich könnte hier nun viel über den Inhalt schwadronieren und eine ausführliche „Die Zeuginnen“-Zusammenfassung schreiben, aber eine Zusammenfassung wird es auf genügend Portalen zu lesen geben. Deshalb möchte ich lieber darauf eingehen, was mich besonders interessiert hat.
Die Unterschiede zur Serie

Schon mit dieser Unterüberschrift mache ich mich bestimmt bei einigen unbeliebt. Meistens erfreuen sich Verfilmungen bei den Personen, die die Buchvorlage bereits kennen, keiner besonders großen Beliebtheit. Ich habe aber ehrlicherweise auch keine Ahnung, wie die Serie bei hartgesottenen Fans angekommen ist.
Ich sehe gerne Verfilmungen und finde hinterher heraus, was die Buchvorlage anders gemacht hat. Und ich stelle mir die Schauspielerinnen und Schauspieler aus den Verfilmungen vor und stelle mir die Szenen aus dem Buch so vor. Mag nicht für jede*n etwas sein, aber mir macht es Spaß.
Natürlich habe ich Unterschiede entdeckt zwischen Buch und Serie, aber das ist für mich völlig in Ordnung. Ich muss sagen, dass mein Zwischenfazit für beide Medien positiv ausfällt. Meiner Meinung nach wurden die Nuancen gut getroffen: nah genug am Buch zu bleiben, dass es keinen groben Bruch gibt, und dennoch Anpassungen vorzunehmen, damit die Serie ihren eigenen Charakter hat.
Gerade weil ich zuerst die Serie kannte, war es für mich spannend zu sehen, welche Dinge im Buch anders funktionieren. Die Geschichte bekommt durch den Roman noch einmal andere Schwerpunkte und man versteht manche Zusammenhänge besser. Für mich ist genau das der Reiz einer Verfilmung: Ich möchte nicht unbedingt zweimal exakt dieselbe Geschichte bekommen, sondern sehen, was aus derselben Vorlage in einem anderen Medium entsteht.
Einblicke in die Vergangenheit und das Innenleben von Tante Lydia
Nun aber zurück zum Buch. „Die Zeuginnen“ gibt einen großen Einblick in die Vergangenheit von Tante Lydia, die ja schon bei The Handmaid’s Tale eine sehr ambivalente und widersprüchliche Figur gewesen ist. Daher war es umso interessanter, Informationen über ihre Hintergründe und Entscheidungen zu erfahren. Widersprüchlich bleibt sie für mich, allerdings finde ich es an vielen Stellen einfacher, sie nachvollziehen zu können.
Letztlich geht es innerhalb der Erzählung immer um Leben und Tod und Lydia hat ihre eigene Strategie entwickelt, mit beidem umzugehen und dabei so lange wie möglich die Kontrolle zu behalten. Sie versucht, sich innerhalb Gileads eine möglichst mächtige Position aufzubauen, und beginnt gleichzeitig, Informationen zu sammeln und Beweise gegen die Führung des Regimes zu sichern.
Die Figur ist dabei klug und intrigant. Vorausschauend und sehr begabt darin, um die Ecke zu denken. Gleichzeitig ist sie für mich keine Figur, die man gerne haben kann oder mit der ich persönlich mitfiebern konnte. Mein Gefühl war ein Für und Wider, ein einziger Grenzgang. Wenn man bedenkt, welch großen Anteil Lydia im Buch ausmacht, finde ich es positiv, sie derart ambivalent darzustellen. Es passt zur Komplexität der Erzählung und zu der Komplexität, die ich Margaret Atwood anders auch nicht zugesprochen hätte.

Die Strukturen von Mayday
Mehr über die Strukturen von Mayday zu erfahren, hat mir ebenfalls gut gefallen. Auf Grundlage der Serie konnte ich mir ehrlich gesagt gar nicht so recht vorstellen, wie Mayday eigentlich funktioniert, wie viele Menschen dazugehören und was noch alles dahintersteckt. Im Buch bekommt man da deutlich tiefere Einblicke. Es gibt verschiedene Kontaktpersonen, Informationen werden weitergegeben und es gibt Menschen innerhalb Gileads, die heimlich mit Mayday zusammenarbeiten. Gerade diese ganzen Verbindungen haben mir gefallen. Ich hatte teilweise fast professionelle Agenten-Vibes.
Besonders interessant fand ich dabei, welche Rolle Tante Lydia in diesem ganzen Geflecht spielt. Sie ist nicht einfach irgendwann auf die Seite des Widerstands gewechselt, sondern hat sich über Jahre innerhalb des Systems eine Position aufgebaut, in der sie Informationen sammeln und Beweise sichern konnte. Sie kennt die Führung Gileads, kennt deren Geheimnisse und weiß sehr genau, wo die Schwachstellen liegen. Gleichzeitig bleibt sie natürlich eine Frau, die dieses System mit aufgebaut und am Leben gehalten hat. Genau diese Widersprüchlichkeit macht sie für mich so interessant.
Auch die Geschichte von Nicole fand ich in diesem Zusammenhang spannend. Sie wächst in Kanada auf und weiß zunächst überhaupt nicht, welche Bedeutung sie für Gilead hat. Erst nach dem Tod ihrer Eltern erfährt sie, dass sie eigentlich aus Gilead stammt und als Baby von Mayday nach Kanada gebracht wurde. Von da an wird aus ihrer Geschichte immer mehr eine Art Undercover-Geschichte, in der sie unter falschem Namen nach Gilead geht und schließlich auf ihre Schwester Agnes trifft.
Dadurch bekommt Mayday für mich viel mehr Kontur als in der Serie. Es ist nicht mehr nur diese große, abstrakte Widerstandsbewegung, sondern ein richtiges Netzwerk mit eigenen Strategien und Leuten, die teilweise ziemlich genau wissen, was sie tun.

Das Ende des Romans
Das Ende fand ich dagegen etwas abrupt. Eigentlich passiert dort noch ziemlich viel (Achtung Spoiler). Agnes und Nicole schaffen es nach Kanada, die Informationen von Tante Lydia gelangen an die Öffentlichkeit und Gilead gerät dadurch massiv unter Druck. Auch Tante Lydia beendet ihre Geschichte und nimmt sich das Leben, weil sie davon ausgeht, dass sie entweder von Gilead beseitigt oder nach dessen Fall für ihre Beteiligung am Regime zur Verantwortung gezogen werden wird. Danach gibt es noch die historischen Anmerkungen, die wieder viele Jahre in die Zukunft springen.
Trotzdem hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass wir gerade mitten im Höhepunkt der Handlung waren und es dann plötzlich auch schon vorbei war.
Vielleicht liegt das auch daran, dass der Roman vorher so viele Fäden aufbaut. Wir bekommen die drei verschiedenen Perspektiven, erfahren immer mehr über Gilead, über Mayday und über Tante Lydia und irgendwann laufen diese ganzen Geschichten zusammen. Ich hätte mir danach einfach noch mehr gewünscht.
Nicht unbedingt ein anderes Ende. Ich hätte einfach gerne noch mehr über die Figuren erfahren. Wie geht es für Agnes und Nicole weiter? Was passiert mit ihnen nach der Flucht? Wie entwickelt sich die Situation in Gilead tatsächlich? Und vielleicht hätte ich auch einfach gerne noch ein bisschen länger bei den Figuren verweilt.
Denn insgesamt ist der Roman ja sehr stark wie eine Aufzeichnung oder Dokumentation aufgebaut. Die drei Geschichten sind Zeugenaussagen, die später von der Wissenschaft eingeordnet werden. Das fand ich während des Lesens interessant und es passt auch gut zu dieser Welt. Am Ende war es aber vielleicht genau das, was mir ein bisschen gefehlt hat: mehr Nähe zu den Figuren und weniger das Gefühl, gerade einen historischen Bericht zu lesen.
Ich kann nicht genau sagen, was mir gefehlt hat. Aber ich hätte gerne noch mehr erfahren. Irgendwie war ich noch nicht ganz fertig mit der Geschichte, als das Buch schon fertig mit mir war.
Mein Fazit
Insgesamt kann ich „Die Zeuginnen“ auf jeden Fall empfehlen. Man macht meiner Meinung nach nicht viel falsch, wenn man das Buch liest. Für mich hat es jedenfalls den Grundstein dafür gelegt, dass ich mir noch mehr von Margaret Atwood zu Gemüte führen möchte.
Sie schreibt gut, klug und durchdacht und ich hatte beim Lesen eigentlich nie den Eindruck, dass die Geschehnisse einfallslos konstruiert sind. Gerade diese Mischung aus einer durchdachten Welt, ambivalenten Figuren und einer Geschichte, die mich trotz meiner Kenntnis der Serie immer wieder interessiert hat, hat mir gefallen.
Ich glaube, genau das ist auch der Grund, warum ich nach diesem Buch noch neugieriger auf Margaret Atwood bin. „Die Zeuginnen“ war für mich nicht nur die Fortsetzung einer Geschichte, die ich bereits aus der Serie kannte, sondern gleichzeitig mein erster richtiger Einstieg in Atwoods Bücher. Und der hat definitiv Lust auf mehr gemacht.
Klare Leseempfehlung von mir.
Bibliografische Angaben
Autorin: Margaret Atwood
Titel: Die Zeuginnen
Verlag: Berlin Verlag
Erscheinungsdatum: 10. September 2019
Umfang: 576 Seiten
Format: Hardcover
Übersetzung: Monika Baark
ISBN: 978-3-8270-1404-7
Weitere Informationen zum Buch finden Sie auf der Website des Verlags.
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