Immerhin heute

Mein Leben ist gerade ein ziemlich eigenwilliges Wurmloch. Ich bin müde, überladen und hungrig nach Nähe. Aber heute habe ich gelacht, bis mir der Bauch wehtat. Immerhin.

Lesezeit: 4 Minuten

Fünf Menschen sitzen bei Dämmerung um ein kleines Lagerfeuer in einem herbstlichen Wald.

Grillfeier vorbei und seit Monaten das erste Mal Bauchschmerzen vor Lachen.

Was für ein müder, dankbarer Moment.

Vor allem, wenn man sich daran erinnert, wie lange sich diese Bauchschmerzen zuletzt ganz anders angefühlt haben. Vor Kummer, vor Sorgen, vor Druck und Angst.

Ich nehme mit dieser Realität sehr gerne vorlieb.

Ich frage mich generell, in was für ein Wurmloch ich aus Versehen gefallen bin. Die vergangenen Monate waren ein ziemlich eigenwilliger Mix aus Abschieden, Überraschungen, Begegnungen und Dingen, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Und während um mich herum ständig irgendetwas passiert, sitzt mein Nervensystem nur ungeduldig da, wippt mit dem Fuß und verschränkt die Arme, bevor es irgendwann aus ihm herausplatzt:

„KANN HIER MAL IRGENDWAS SPANNENDES PASSIEREN?!“

Ich bin so hungrig und müde und gleichzeitig so voll und völlig überladen.

Immerhin: Das war im April schon so. Und im März. Und im Februar. Eigentlich die ganze Zeit, seit im vergangenen Jahr der Entschluss gefallen ist, dass wir das Kapitel "alte Heimat" schließen. Sack zu, Affe tot.

Also hat sich, wenn man es genau nimmt, gar nicht so viel verändert.

Aber heute habe ich gelacht, bis der Bauch wehtat. Ich habe mich willkommen gefühlt und aufgenommen. So, als wäre ich genau da, wo ich sein soll. So, als würde man sich freuen, weil ich da bin.

Und ich meine: Das ist doch was.

Wobei ich anmerken möchte, dass ich mit meinem Innenleben alles andere als zufrieden bin. Mein Herz will nämlich immer genau das Gegenteil von dem, was ich ihm anbiete. Wie ein trotziges, wütendes Kind.

Ich will mich auf meine Projekte konzentrieren. Mein Herz will Menschen. Nähe. Freundschaft. Jemanden, der bleibt.

Das will es die ganze Zeit schon. Schon seit ich klein bin, ein Grundschulkind. Immer diese verfluchte Leere.

Und mein Herz ist ein knallharter Verhandlungspartner.

Man sollte nämlich nicht vergessen, dass ich mir vorgenommen hatte, erst einmal keine neuen Freundschaften zu schließen. Die letzten sind in einem ziemlich hohen Prozentsatz wirklich beschissen gelaufen. Irgendwann sollte man einfach aufhören, wenn man merkt, dass etwas gerade nicht sein soll.

Aber verflucht noch eins: Das Herz wünscht sich, was sich das Herz nun mal wünscht.

Also bleibt diese miese kleine Hoffnung.

Nicht unbedingt auf eine bestimmte Person. Eher auf die Möglichkeit, dass da irgendwann noch jemand kommt. Jemand, bei dem sich diese verdammte Lücke vielleicht nicht mehr ganz so groß anfühlt.

Weiß der Geier, ob das zu irgendetwas anderem führt als zu Herzschmerz. Ob am Ende nicht doch nur die Erkenntnis wartet, dass der Mensch, den ich vermisse, mir auch nach dreißig Jahren auf diesem Planeten noch nicht begegnet ist und ich mit dieser Lücke weitermachen muss.

Mein Gott, was kenne ich mich mit Lücken im Herzen aus.

Meins hat Brandlöcher und sieht aus wie ein Schweizerkäse.

Und trotzdem ist da dieses tiefe Bedürfnis, mich verbunden und aufgehoben zu fühlen. Vertrauen zu können. Mich fallen lassen zu können. Einen Menschen zu haben, bei dem nichts erfüllt werden muss. Keine Rolle, keine Erwartung, kein Zweck.

Einfach jemand, der gerne mit mir redet. Mit dem ich lachen kann. Mit dem ich grob sein kann und ich selbst, so sehr ich selbst sein kann.

Und der bleibt.

Einfach, weil ich ich bin.

Kitschig, ich weiß.

Aber was wäre das Leben denn schon ohne ein bisschen Kitsch?

Ohne diese kleine, klebrige Hoffnung, die der Körper ums Herz schmiert, wenn doch alles zu viel ist. Wenn das Leben auf einen einpeitscht und man eigentlich Urlaub will und doch keinen hat und auch keiner in Sicht ist.

Vielleicht braucht man diese Hoffnung gar nicht, weil man glaubt, dass am Ende alles gut wird.

Vielleicht braucht man sie einfach, damit man weitermacht.

Und trotz allem muss ich sagen:

Dankbar für heute Abend.

Das könnte dich auch interessieren

Dämmerung über einem ruhigen Weg

Wenn der Herbst sein Ziel verfehlt

Der Herbst ist normalerweise die heilsamste, gnädigste Jahreszeit. Alle Wehwechen aus dem Sommer finden ihren Platz, und alles, was aufgescheuert und aufgedunsen aus der Hitze zurückbleibt, klingt ab, heilt ab, findet Frieden. Aber nicht im letzten Herbst, als das Herz Hochwasser hatte. Ein Rückblick.

mehr lesen...